Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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— 21 — zu erhalten; alle Beziehungen des Menschen zum Menschen musste sie umfassen, auch Recht und Staat, Familie und Gesellschaft mussten von ihr geregelt werden. Es wird in der „modernen" Religionsbewegung als Fortschritt betrachtet, wenn immer weitere Gebiete von der Religion sich ablösen und für diese nur noch „Anschauung und Gefühl" zurückbleiben. Die Pharisäer standen auf dem entgegengesetzten Standpunkt, alle Kulturgebiete mussten nach ihrer Meinung in inniger Vereinigung mit der Religion stehen: Sittlichkeit, Recht, Gesellschaft, Studium etc.1) Das war ein kühner Gedankenflug, ihn durchzuführen erforderte eine Riesenarbeit, die in ihrer Ausgestaltung lehrt, dass die Pharisäer „die Beobachtung der Gesetze wie der durch sie überlieferten Frömmigkeit zur wichtigsten Aufgabe ihres Lebens machten"2). Die unleugbare Tatsache, dass der Gottesgedanke im Judentum inmitten einer Welt von Gefahren in idealster Ungetrübtheit sich erhalten und andere Religionen nachhaltig beeinflussen konnte, hat ihre Arbeit als nicht kleinlich und zwecklos erwiesen. Mit der Frömmigkeit selbst wurden die Formen, in denen sie sich äusserte, nicht für identisch erklärt, sie konnte auch ohne dieselben sehr wohl gedacht werden; aber ebensowenig glaubte man, dass der Antinomismus an sich schon versittlichend und befreiend wirkt. Die christliche Kirche hat für die „Befreiung vom Gesetz" die Sklaverei des Dogmas eingetauscht; ihre Lehre von der „objektiven Erlösung" hat zu schweren Versuchungen geführt und ganzen Generationen den Ernst der Religion verdeckt3). Auch das widerstrebte den Pharisäern, „künstliche Krücken und Surrogate der Frömmigkeit in Sakramenten zu suchen; dazu war ihr Streben nach Frömmigkeit zu ernst und zu zähe." Nichts verabscheuten die Pharisäer so sehr, wie eine Veräusserlichung der Religion, und dennoch wird dieser Vorwurf, „dass sie aus der Religion ein irdisches Gewerbe machten", am J) Vgl. dazu mpnS nwo na p«» *mi irr Sa *jS p« Sifra 42 a und Jos. Ap. 16 g. E. „die Frömmigkeit machte unser Gesetzgeber nicht zu einem Bestandteil der Tugend, sondern erklärte die übrigen guten Eigenschaften ... als Aeusserungen der Frömmigkeit." 2) Jos. Ap. I, 12. s) Harnack, Wesen des Christentums S. 119.