Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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- 2d - dadurch von vornherein dem Judentum den Makel des Starren, Strengen und Harten beilegen zu können. Denn lassen wir den Namen beiseite, so muss die Sache selbst zugestanden werden: die Thora sollte den Juden die höchste Norm sein, die alle Beziehungen des Lebens regelte. Ihre erhabensten Lehren waren die von der strengen Einheit und Ewigkeit Gottes und von der göttlichen Leitung der menschlichen Geschicke. Daraus folgten ein umfassendes Sittengesetz und als Anwendung desselben religiöse Ceremonien. Um den reinen Gedanken und das Endziel der Religion sich nicht verflüchtigen zu lassen, um sie in der Masse des Volkes unversehrt zu erhalten, „war der innere Kern mit einer Schale umgeben, gesetzliche Bestimmungen sollten das ganze Leben durchziehen, mannigfaltige und feste Hüllen, in Sitten und Gebräuchen ausgeprägt, den Kern für alle Zeiten lebendig und keimkräftig erhalten. Nicht bloss in feierlichen Stunden, nicht nur im Gotteshause, sondern zu allen Zeiten und an allen Orten sollte Israel seine Berufung als Träger des Gottesgedankens kund sein; diesem Ziele sollten Erinnerungen, Mahnungen und Symbole dienen"1). Diesem Grundzug der Thora, die nicht nur auf das „Lernen und Lehren", das Forschen und Nachsinnen, sondern ebenso sehr auf das „Beobachten und Tun" Wert legt, folgten die Pharisäer, indem sie, was in der Thora nur angedeutet, was dort nur in ganz allgemeinen Zügen gegeben ist, für ihre Zeit, für ihr weit komplizierteres öffentliches und privates Leben, für ihre veränderten Gesellschafts- und Rechtsverhältnisse ausgestalteten und zur Norm erhoben. Nicht etwa, dass sie in allen Stücken Neues schufen; sie haben vielfach nichts anderes getan, als die Sitte der Väter, die Bräuche, die sie durch Tradition überkommen hatten (nccQadoüig), in Formeln zu fassen und auf die Thora zurückzuführen. War die Thora die ewig giltige Offenbarung Gottes, so mussten ihre Bestimmungen für alle Zeiten und auf alle Verhältnisse Anwendung finden, so musste sie nicht nur das Dogmatische und Ethische in der Religion, nicht nur das Zeremonialgesetz, dessen Zweck ausschliesslich die Erhaltung des Sittlichen und Religiösen war, sondern auch alles das umschliessen, was der Mensch tut, um sich an Körper und Seele *) Lazarus L., Zur Charakteristik etc. p. 22.