Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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- 17 - widersprechenden Wortlaut der Schrift. Besonders war dies wohl in den letzten Jahrzehnten des Reiches der Fall, als die Sadducäer sich in die Partei der Boethusier umgewandelt hatten und hochmütig gegen die Tradition der Väter auftraten, ganz so wie das mit ihnen verhündete Herrscherhaus der Herodianer. Aber damals war ihre Macht gehrochen, ihr Einfluss auf das Volk, der nie gross war, nichtig; in den Aemtern, welche sie übernahmen, mussten sie nach den Vorschriften der Pharisäer verfahren, sonst wären sie in die höchste Gefahr geraten. Dass aber die Pharisäer siegten, dass das ganze Volk im Gegensatz zur Aristokratie bei ihnen verharrte, das verdankten sie eben ihrer hervorragenden Kenntnis der Thora und ihrem Bestreben, das Verständnis der Schrift zu verbreiten. Sie gaben dem Volke Bildung, sie waren die Schriftkundigen und Gesetzeslehrer, die das Volk belehrten, es sittlich zu heben trachteten und sein ganzes Leben mit göttlicher Weihe umgaben. Aus demselben Grunde waren sie auch als Richter beliebt und geschätzt; man wusste, dass sie ausschliesslich vom Gesetz und nicht von Standesvorurteilen sich leiten Hessen. Das Strafgesetz zumal handhabten sie mit grosser Milde1); im Gegensatz zu den Sadducäern, die sich streng an den Buchstaben der Thora oder ihres geschriebenen Strafkodex hielten, verfuhren die Pharisäer mehr nach dem Geist des Gesetzes und fanden Mittel und Wege, durch Interpretation dessen Härten zu mildern2). Bei der Erörterung juristischer Fragen zeigen sich die Pharisäer von weit freierem Geiste beseelt als die kleinlichen Sadducäer; im Recht und im Ritus sind die Pharisäer Vertreter eines fortschrittlichen Prinzips. Es kann nicht scharf genug betont werden, dass die Pharisäer Anhänger des Fortschritts waren und oft mit grosser Kühnheit für die Forderungen desselben eintraten: ihr ganzes System war dem starren Feststehen und der Versteinerung abhold. Die Geistesrichtung der Pharisäer hat das Judentum davor behütet, sich auf unbewegliche Dogmen und Gebräuche festzulegen und ihm die Freiheit gegeben, sich dem Wechsel der Zeiten anzupassen. Die Halacha oder das traditionelle Recht blieb dank J) Ant. XVm, 1, 3. 2) Vgl. Meg. Taanit IV. 2