Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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— 14 — bestimmten Schicksal {slfiaQiisvij) geschehe, sprechen aber darum nicht dem menschlichen Willen das Vermögen, selbst zu entscheiden, ab, vielmehr meinen sie, es habe Gott gefallen, die Macht des Schicksals und die menschliche Vernunft zusammenwirken zu lassen, so dass jeder nach Belieben dem Wege des Lasters oder der Tugend folgen könne"1). „Die Sadducäer leugnen das Geschick, indem sie behaupten, dass es nichts sei, und dass nicht durch dieses die menschlichen Dinge zustande kommen. Alles vielmehr schreiben sie uns selbst zu, indem wir selbst sowohl des Glücks Ursache seien, als auch das Uebel durch unsere eigene Unbesonnenheit uns zuzögen"2). — Es handelt sich demnach hier um den bekannten Widerspruch zwischen der göttlichen Allmacht und Vorsehung auf der einen, der menschlichen Willensfreiheit auf der anderen Seite, der bald zur Leugnung der einen, bald der anderen gefuhrt hat; die Pharisäer aber lassen beides neben einander bestehen. Der Mensch ist für sein Tun verantwortlich, wie auch die heilige Schrift es an vielen Stellen betont, aber darum greift er nicht ändernd in den Plan der göttlichen Vorsehung ein, der Ausgang seines Tuns, der Erfolg liegt nicht im Bereiche menschlicher Wirksamkeit3). Auf die Politik übertragen heisst das: Staat imd Heer dürfen nur nach den Bestimmungen des Religionsgesetzes verwaltet werden. Machte man die Schwierigkeiten des Lebens dagegen geltend, dann erwiderten die Pharisäer mit dem Hinweis auf die jüngsten Kämpfe, die ja gezeigt hatten, dass im Kampfe nicht immer dem Stärkeren die Palme des Sieges zufällt, sondern „dass Gott, der oberste Richter, den einen erniedrigt, den anderen erhöht", dass der Staat nur die Pflicht habe, dem Gesetz Gottes und der Sitte der Väter Geltung zu verschaffen, alles Uebrige aber der göttlichen Vorsehung überlassen dürfe. Darum war für die Pharisäer nicht die Politik die Hauptsache, nicht Bündnisse und Kriegsführung standen für sie im Vordergrunde, sondern Studium und Auslegung der heiligen Schriften. Wer über sie regierte, konnte ihnen gleichgiltig sein, so lange die Freiheit der Religion unan- J) Ant. XVm, 1,8. 2) Ant. Xm, 5,9. s) Dieser pharisäischen Anschauung entspricht das Wort Akibas: Alles ist vorhergesehen und trotzdem die Freiheit gelassen ruirw mvnm 'WS ^an, Abpt III, 12.