Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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8uperstitio prava et immodica) und barbarisch ebenfalls alles Fremde. Nicht stichhaltiger ist es, wenn zum Abschluss die Stimmung der Römer als „Verachtung" zusammengefasst und durch die Benennung des Tacitus „despectissima pars serventium" oder „taeterrima gens" belegt wird. Hat nicht derselbe Tacitus auch die Christen des odium generis humani beschuldigt, Sueton sie eine superstitio malefica genannt, und doch zieht niemand dieselben Schlüsse für das Verhalten und den Charakter der ersten Christen? Dass Juvenal „schwerlich ohne allen Grund" ihnen schuld giebt, „dass sie nur Glaubensgenossen den Weg zeigen und nur Beschnittene zur gesuchten Quelle fuhren wollen" ist eine Erfindung Schürers; ein solch ungeheuerliches Verhalten sollte man nicht einmal rohen Völkern auf niedriger Kulturstufe zutrauen, aber bei Juden erscheint auch das natürlich.1) Selbstredend handelt es sich um den Weg, der zum Quell der Religion führt (Joel das. 137). Das könnte man alles scherzhaft auffassen, aber empörend ist es, wenn von christlichen Theologen neuerdings immer wieder der Vorwurf gegen das Judentum erhoben wird, dass sie die heidnischen Götter verachteten und nicht im Heidentum aufgingen. Das ist gerade der höchste Ruhmestitel des Judentums, dass es sich vom Heidentum und seinen sittlichen Verirrungen frei erhalten hat. Das Neue Testament ist aus jüdischen Kreisen hervorgegangen, und man sollte meinen, es wäre als Quelle für die Kenntnis des zeitgenössischen Judentums höchst zuverlässig. Aber es ist längst bekannt, und diese Lehre beherrschte die protestantische Theologie des vorigen Jahrhunderts, dass die Evangelien nicht historische, sondern theologische Schriften sind, Streitschriften mit ganz bestimmter Tendenz. „Man darf nie vergessen, dass wir in unseren Evangelien keine Beurteilung des Pharisäismus haben, sondern Polemik und Verurteilung seiner schlimmsten Auswüchse" (Bousset). Nichtsdestoweniger sind esr die Urteile der Evangelien, die die Historik unserer Zeit beherrschen. „Am besten illustrieren die Evangelien den Charakter der Pharisäer und Sadducäer", heisst es in demselben Buche von Bousset, und min wird für die einzelnen Farben des Bildes das Material den Evangelien entlehnt. Bei der Verwertung des N.T. als Quelle muss berücksichtigt werden, dass der Begriff Pharisäer darin zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bedeutung hat. In der ersten Periode des Christentums ist es die reine Bezeichnung der Partei ohne jede entehrende Nebenbedeutung. So erscheinen *) Das Gegenteil stand ausdrücklich in Philo's Hypothetika vgl. Bernays Ges. Abhdlgn. I, 272 ff. und ist bei Joseph. Apion H, 10 u. 29 zu lesen. Zu verwundern ist, dass Schürer nicht auch die Stelle in dem „von Moses überlieferten geheimen Gesetz" anzugeben weiss, an der nach Juvenal's Spöttelei solcher Menschenhass geboten sein soll,