Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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der lebendigen Religion in Verbindung zu bringen. Man bezeichnet die Pharisäer meist als die Partei der sich verengenden gesetzlichen Richtung, und man vergisst, was sie gegenüber dem Streben nach Hellenisierung für die Erhaltung des Monotheismus geleistet haben, dass sie den religiösen Individualismus, den rein geistigen Kultus ausgebildet haben, dass der Glaube an die Unsterblichkeit durch sie besonders vertieft wurde, dass sie eine starke Mission betrieben. Man stellt sie als die blossen Hüter des Pentateuch hin und übersieht, dass sie Propheten und Hagiographen nicht minder hochhielten und nicht minder sorgfältig pflegten, dass sie in wöchentlicher Schrifterklärung dem Volke die Wahrheiten und Hoffnungen der Religion daraus verkündeten. Ueber das religiöse Leben der pharisäischen Periode im einzelnen sind wir ausserordentlich schlecht unterrichtet. Die Pharisäer haben ihre religiösen Anschauungen nie systematisch dargestellt, nur vereinzelt sind dieselben erhalten in späterer Verarbeitung und in einer Form, die der Sache keineswegs gerecht wird; die tiefsten religiösen Lehren und die höchsten sittlichen Forderungen machen darin den Eindruck des Zufälligen und Gelegentlichen, das nur so nebenher vorgetragen wird. Aus der populären Litteratur der Zeit haben sich Schriften erhalten, die einzelne Gedanken jener Frömmigkeit unter bestiminten Gesichtspunkten betrachten; aber die in dieser Litteratur einseitig vertretenen Richtungen bilden nicht dasjenige, was sich als das Wesentliche und Bleibende im Judentum und damit als das Geschichtliche erwiesen hat. Wohl aber sind die Grundgedanken der pharisäischen Religion mit dem Judentum aller Zeiten verwachsen und zwar so innig, dass es bisher für überflüssig angesehen wurde, diese wohlbekannten Gedanken in der Fassung, die ihnen die Pharisäer gaben, zur Darstellung zu bringen. Demgegenüber soll im folgenden versucht werden, die pharisäischen Religionsanschauungen aus den erhaltenen Quellen wiederzufinden, und zwar sollen, um den Umfang der Abhandlung über den hier üblichen Rahmen nicht allzusehr anschwellen zu lassen, uns zunächst nur die beiden zentralsten Begriffe der Religion beschäftigen, die Anschauungen von Gott und dem Menschen. Doch ehe wir daran gehen, diese innere Seite der