Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Einleitung. I. Aufgabe. Die Religionsanschauungen der Pharisäer erscheinen in der wissenschaftlichen Behandlung meist in zu engem Ausschnitt oder in falscher Beleuchtung. Entweder sie werden nur im Gegensatz zu den Sadducäern betrachtet, dann kommen nur wenige und nicht einmal centrale Punkte zur Sprache. Oder aber man zeigt sie unter der Beleuchtung der Evangelien, dann erscheinen sie im Lichte einseitiger, ungerechter Polemik. Diese Betrachtimgsweisen gehen beide davon aus, dass die Pharisäer nur einen kleinen Bruchteil des Volkes bildeten; in Wirklichkeit aber handelt es sich um eine religiöse Richtung, die die Entwicklung weitaus des grössten Teils des jüdischen Volkes lange Zeit beherrscht hat. Aus dem Aufschwung des Judentums nach dem Ringen mit dem Heidentum in den Makkabäerkämpfen ging diese Richtung hervor, und erst mit der völligen Vernichtung des jüdischen Volkstums unter Hadrian trat sie zurück; von Daniel etwa bis R. Akiba reichen ihre litterarischen Vertreter (150 v. bis 130 n. d. g. Z.). Was die „Schriftgelehrten" begonnen hatten, die Durchführung der biblischen Gesetzgebung im praktischen Leben, das strebten die Pharisäer fortzusetzen und weiter auszubilden; Schriftforschung war ein wichtiger Teil ihrer Tätigkeit. Aber damit erschöpfte sich ihr Wesen und ihr Streben nicht. Eine grosse volkstümliche Partei kann nicht während eines Zeitraums von etwa drei Jahrhunderten die geistige und religiöse Führung haben, ohne alle Fragen der Religion und Sittlichkeit in den Bereich ihres Denkens zu ziehen, ohne die Ueberlieferung mit l