Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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— IV — Fügen -wir zu diesem Vorwurf der Leichtfertigkeit noch hinzu, dass Harnack sich widerspricht, indem er selbst S. 33 die Priester und Schriftgelehrten als die „offiziellen Führer des Volkes" bezeichnet, dann haben wir die beiden charakteristischen Merkmale für die ganze Art der Behandlung, die das Judentum zur Zeit Jesu von christlichen Theologen erfährt. Das erdrückende Beweismaterial darüber, das in den gelehrten Arbeiten von Gü~ demann, Perles und Schreiner niedergelegt ist, soll hier nicht wiederholt und nicht vermehrt werden, für jeden Kenner der einschlägigen Literatur genügt die treffende Bemerkung Schreiner's: „Solange die Ansichten De Wette's und Ewald's über den Ursprung der Bibel massgebend waren, galt das Zeitalter des zweiten Tempels als die Zeit der „Entartung". Seitdem die Reuss-Graf-Kuenensche Schule zur Anerkennung gelangt ist und man annimmt, dass der Pentateuch, die Psalmen, das Buch Hiob in nachexilischer Zeit entstanden sind, beginnt die Zeit der „Entartung" mit. dem Spätjudentume"1). Aber die Gedanken des Spätjudentums — schon der Namen weist auf eine Geschichtsbetrachtung, für die das Judentum nur die Vorstufe des Christentums ist — sind trotz des übereinstimmenden Verdikts darüber noch gar nicht erforscht. Das Neue Testament bietet nur ein Zerrbild vom Judentum, Apokryphen und Pseudepigraphen, die andere meist benutzte Quelle, enthalten die zentralsten und treibenden Ideen der jüdischen Religion gar nicht oder in einseitiger Verkümmerung. An demjenigen Schrifttum hingegen, das das anschaulichste und treueste Bild von der Gedanken- und Gefühlswelt der leitenden Kreise des Judentums bietet, geht die „wissenschaftliche" Behandlung des neutestamentlichen Zeitalters mit vornehmer Geringschätzung vorüber; oder es wird nach den Anführungen in Web er's „Jüdischer Theologie" benützt, einer wahren Fundgrube für Irrtümer, der es an der nötigen Sonderung des Materials, wie an der genaueren Durcharbeitung des Einzelnen völlig gebricht. Bier erwächst der Wissenschaft des Judentums die Aufgabe, die Lücke auszufüllen und ihrerseits die religiöse Gedankenwelt der Rabbinen aus der weitschichtigen und wegen ihrer spröden Form schwer zugänglichen Literatur systematisch zu bearbeiten, x) Pie jüngsten Urteile S. 59,