Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 17.1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
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— 13 — tiefe Ergriffenheit jene lesen konnte, so ging gewiss niemand, der diese gehört, ohne innere Läuterung von dannen. Aber so unübertrefflich auch die Gaben seines Geistes in Gehalt und Form waren, der Erfolg seiner Wirksamkeit lag doch vor allem in seiner sittlichen Persönlichkeit. Wer ihn sah, ihn hörte, der fühlte sich fortgerissen zu dem Bekenntnisse der biblischen Weisen: „Siehe die Furcht des Herrn ist Weisheit und das Böse meiden ist Vernunft". Denn sein Leben war die Verwirklichung seiner Lehre, er selbst im Hause wie im Hörsal. in der Familie wie im Freundeskreise das ideale Vorbild dessen, zu dem er seine Schüler erziehen wollte. Er war ein Weiser nicht blos an Erkenntnis, sondern auch und vor allem in seiner Lebensführung. Er hatte sich sein Herz bis ins Greisenalter kindlich erhalten, d. h. frei von jeder Bitterkeit gegen die Menschen und das Schicksal, trotzdem sie ihm nur wenig gewährt und viel abgefordert hatten. Nichts als die Unwahrheit und die Bosheit der Menschen konnte ihn aufbringen, aber in dem Glauben an den Sieg des Wahren und Guten fand er alsbald seine Ruhe wieder. Sein vom Silberhaar umrahmtes Haupt, sein vom Denken durchgeistigtes Angesicht war der Spiegel seiner reinen Seele, und seine zarte Stimme hatte jenen sympathischen Klang, der ins Herz dringt, weil er vom Herzen kommt. Selbst die Unterhaltung mit ihm war für jeden nicht blos belehrend, sondern geradezu erhebend; bescheiden und anspruchslos spendete er aus dem reichen Schatze seiner Weisheit, er ahnte nicht, wie sehr er den Hörer erfreute und beglückte. Kein Wunder, dass er für uns alle ein Gegenstand der höchsten Liebe und der Verehrung war, und ich will es hier bekennen, dass ich seit Jahren immer wieder an ihn dachte, so oft in der Synagoge jene Perikope verlesen wurde, in der berichtet wird: v« pp '3 yr «S npov dass Mose nicht wusste, wie sehr sein. Antlitz erstrahlte. So war der Mann geartet, den die Gnade Gottes bis ins hohe Greisenalter in unserer Mitte weilen liess. Kein Titel, den er sich nicht selbst erworben, keine Auszeichnung schmückte ihn, aber von ihm gilt das Wort unserer Alten: „108> |3TD hra Mehr als alle Titel und Würden bedeutet sein Name". Sein Leben war beglückt durch die opferwillige Hingebung seiner Gattin, mit der ihn eine Gemeinschaft im Tiefsten und Innersten verknüpfte, durch die Liebe seiner einzigen Tochter, die wie Frühlings-Sonnenschein ihm das Herz erquickte, durch die treue Anhänglichkeit seiner Verwandten, die sich um ihn als um den Mittelpunkt der Familie dankbar schaarten, durch die treue Gesinnung seiner Freunde, die ihm ihre Freundschaft bis ans Ende bewahrten, durch die unwandelbare Verehrung der Kuratoren und Dozenten unserer Lehranstalt, die in ihm die Krone derselben erblickten. So lebte er in unserer Mitte. Und da er nunmehr von uns geschieden, rufen wir ihm abermals nach: „Mein Vater, mein Vater! Wagen Israels und seine Reiter!" Möge sein Geist uns erwecken zur Nachfolge in seinen Wegen! Möge es in unserer Milte nicht fehlen an hervorragenden Männern, die wie er bethätigen das Wort, das er einst an die Spitze eines Vortrags gestellt hat: „Lebendige Religion ist mehr als ein Lehrbegriff, als eine Gesamtheit von Lehrschätzen über Gott, Mensch und Natur-, als eine Weltanschauung. Zur vollen Religion ' gehört auch ihre-Wirksamkeit, auf das Gemüt und die Gesinnung, auf Fühlen und Wollen, auf die ganze Lebensform." Das walte Gott, der uns durch Mose zugerufen: „Ich verwunde und ich heile!" Amen!