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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1899-01-01 · 17.1899 · page 47

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
17.1899
Date
1899-01-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
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IRI
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— 12 — Bei solcher Geartung war es nur natürlich, dass er sich mit ganzem Herzen seiner Glaubensgemeinschaft anschloss, dass er Jahrzehnte lang im Schulvorstande unserer Gemeinde eine hervorragende Thätigkeit entfaltete, dass er in der Lehrabtheilung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes als ihr Vorsitzender die Arbeiten überwachte, und dass er an der hiesigen Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, der er seit ihrem Bestände als Lehrer angehörte, bibelkritische und religionsphilosophische Vorlesungen hielt. Mancher freilich, der den grossen Gelehrten, den Erforscher der ursprünglichsten Regungen des Menschengeinütes und der dunklen Gesetze des geschichtlichen Werdens, an den hohen Festtagen in der Synagoge beobachtete, wie er in früheren Jahren in den Gebetmantel gehüllt, nicht blos der Predigt sondern auch dem Vortrage der Gebete bis zum Schlüsse des Gottesdienstes andächtig lauschte, mochte denken, dass in ihm zwei Seelen wohnen, die ihn abwechselnd beherrschen. Allein was anderen unvereinbar erschien, musste es darum noch nicht für ihn sein, der das Judentum besser kannte, musste es besonders darum nicht sein, weil die Geschichte vielfach bezeugt, dass die Eigenart der hervorragendsten Männer gerade in der harmonischen Vereinigung scheinbarer Gegensätze besteht. Meine Andächtigen! Die Bibel kennt und gebraucht oft ein Wort, das in dem gleichen Sinne meines Wissens fast nirgends vorkommt, ich meine das Wort „aS norn Herzensweisheit", ein Wort, das gerade die Vereinigung solcher Gegensätze in sich begreilt. Diese „Herzensweisheit", die mit dem schärfsten Verstände gepaart sein kann, und die wir an Männern wie Maimonides bewundern, begründete auch die Eigenart unseres Verklärten. Darum war sein ganzes Leben ein Zeugnis für die Wahrheit des Schriftwortes: „Siehe die Furcht des Herrn ist Weisheit und das Böse meiden ist Vernunft", darum blieb er in Lehre und Leben mit seiner Glaubensgemeinde innig verbunden, und darum auch wandte er sich mitten in seinen vielseitigen Fachstudien immer wieder der Bibel zu, bis er sich zuletzt mit ihr fast ausschliesslich beschäftigte. Als er 1885 die Reihe seiner grösseren Werke mit der Veröffentlichung der „Ethik" abgeschlossen hatte, gelobte er es sich, den Rest seines Lebens der Erklärung der Bibel zu weihen und dadurch zur Würdigung des Judentums, dessen Verkennung durch andere, auch gelehrte Männer ihn tief gekränkt hatte, zu seinem Teile beizutragen. Dieser seiner Thätigkeit verdanken wir die zwei Bände „Zu Bibel und Religjonsphilosophie." Hier erhalten wir tiefgründige xVufschlüsse über den Geist des jüdischen Altertums, die klarsten Nachweisungen über den ethischen Gottesbegriff Israels und unwiderlegliche Zeugnisse für die ideale Weltanschauung unserer Propheten. Seine Kritik ist hier wie überall schöpferisch, d. h. die Entfaltung des innersten Wesens des zu Beurteilenden. Am höchsten aber schätzen w ir an diesem Werke seine ästhetische Kritik der Bibel. Die Schönheit der heiligen Schrift hat in neuerer Zeit keiner so erfolgreich aufgezeigt wie Steinthal: hat Herder vormals die Poesie der Bibel verherrlicht, so hat er unsere Aufmerksamkeit auf die Er- , zählkunst, auf die Prosa derselben hingelenkt, und ihre hohe Vollendung durch ParaHelen aus den besten Erzeugnissen der Weltlitteratur unwiderleglich dargethan. Aus dieser Thätigkeit schöpfte er Trost in den letzten Jahren, wo über unserem Erdteil die schönsten Sterne der sittlichen Bildung zu verlöschen drohten. Für ihn war ja die Beschäftigung mit der Wissenschaft überhaupt Gottesdienst im vollsten Sinne des Wortes. Er sagt einmal gegenüber jenen, welche eine heilige Litteratur von der profanen unterscheiden: „Profane Litteratur giebt es gar nicht. . . Was wirklich Litteratur zu heissen verdient, kann nicht profanem Geiste entstammen." Vollends sein Lehramt war ihm ein Heiligtum, dem er sich mit ganzer Seele hingab, so lange die Kräfte nicht versagten. Sein Lehramt aber übte er nicht blos an der Universität und an unserer Lehranstalt aus, sondern auch inmitten unserer Glaubensgemeinde. Als Bethätigungen dieses Lehramtes erachte ich nämlich seine jüngsten Aufsätze in d. Allgem. Zeitung d. Judentums, worin er uns wie einer der alten Propheten das Gewissen schärfte und uns zur Treue gegen das heilige Erbteil der Vorfahren aufrief, und seine Vorträge über Andacht, über Demut, über Toleranz und ähnliche Gegenstände, die er in früherea Jahren vor der treuen Gemeinde unserer Montagsvorlesungen gehalten hat; denn wie keiner ohne

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