Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 16.1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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— 15 — äquators, oder sagen wir kurz gegen deu HiimmUäquator von 18° 18' (nämlich 23° 27 — 5° 9 ) nach und nach bis zu 28° 3G' (■= 23n 27' + 5° 9 ) anwächst, in der anderen Hälfte wieder in solchen, deren Schiefe in demselben Maasse allmählich wieder abnimmt. Im engen Ansehluss an die Periode dieser Kuoteubewegung und iufulge des durch sie bedingten ständigen Wechsels in der Lage dt-r Mondbahn zum Acquator erfährt die Erdaxe jene Schwankungen, die als Nutatiou bezeichnet werden und zunächst in kleineu zu- und abnehmenden Veränderungen der Präzessiou zu Tage treten. Wenn diese sich als eine Bewegung der Ilimmclspole um die des Thierkreises darstellt, so giebt sich jene als eine Bewegung der Ilimmelspole um ihren mittleren Ort zu erkennen, mit anderen Worten, die Präzession vollzieht sich nicht in einer Kreislinie, die in jedem ihrer Punkte gleich weit vom Pole der Ekliptik absteht, sondern in einer Wellenlinie, ähnlich dem Wege, den der Mond als Begleiter der Erde im Laufe eines Jahres um die Sonne sich schlängelt. Die Folge ist, dass sich die Weltaxe innerhalb eiuer solchen Periode das eine Mal von der Axe der Ekliptik entfernt, " ts andere Mal derselben nähert, und somit der Winkel, den sie mit einander bilden, oder die Schiefe der Ekliptik durch die Nutatiou erst vergrössert, dann wieder verringert wird, was bei der Präzession an sich nicht der Fall ist. .Letztere beträgt, wie schon erwähnt wurde, in runder Zahl 50 Bogensekunden jährlich, denen der jedesmalige Werth der Nutatiou, deren Höchst betrag sich auf 18" belauft, entweder zuzuzählen oder abzuziehen ist. Demnach nehmen die Längen der Gestirne in der einen Hälfte der Periode insgesammt um 8' 3" (= 50" X 9,3 + 18") zu, in der anderen nur um V 27" (= 50" X 9,3 — 18"). Für sehr grosse Zeitabschnitte kommt ausserdem die jährlich 0,000 244 2966" betragende Zunahme1) der Präzessiou in Betracht. Gegenwärtig (1898) hat die Präzessiou eiueu Werth von 50,2474 4107", und es werden mehr als tausend Jahre dahingehen müssen, ehe er auch nur auf 50'/a Sekunden gestiegen sein wird. Zur Zeit Hipparchs zählte derselbe genau 49 V« Sekunden, also schon in 72,4 Jahren einen vollen Grad und nicht erst in 100 Jahren, wie dieser grosse Astronom irrthfimlich angenommen und der Verfasser des Almagest ihm nachgeschrieben hat. Bezeichnen wir den jetzigen Werth der Präzession mit p und die jährliche Zunahme mit d, so wird die Lauge eines Sterns, die heute 1 ist, im nächsten Jahre 1 + p und im folgenden — 1 + 2 p + d sein, im vierten aber 1 + 3 p + 3 d, im fiiufteu l + 4p + 6d, im sechsten=l+5p + lOd und nach n Jahren-1 + p (u-l)-r-^-(u-2) (u—1)-I+(p+[n— 2]-~)(n-l), wie sie vor n Jahren —1—(p + [u—2] (n—1) gewesen. Von diesen beiden Formeln, deren erste uns in den Stand setzt, die Längen aller Fixsterne, die wir zu beobachten in der Lage sind, für alle Zukunft vorauszuberechnen, währeud die zweite uus die Möglichkeit gewährt, dieselben für jede Vergangenheit nachzuweisen, ist die letztere auch für die Geschichtsforschung und insbesondere für die historische Kritik von hoher Wichtigkeit, denn sie giebt uus da» Mittel au die Hand, die Sterukataloge aus ältereu und alten Zeiten auf ihre Richtigkeit' zu prüfen. Wir haben oben des Ptolemäischeu Katalogs Erwähnung gethau. Eine Prüfung desselben hat die überraschende Thatsache enthüllt, dass er gar nicht von Claudius Ptolcmäus herrührt, für dessen Zeit die Ortsaugaben nicht stimmen, sondern vermuthlich Hipparch zum Urheber hat, von denT ihn der Verfasser des Almagest einfach entlehnt hat, indem er, ohne selbst zu beobachten und Messungen vorzunehmen, die vorgefundenen Längen um soviel Grade und Minuten berichtigte, als gemäss seiner falschen, viel zu niedrigen Bewerthuug der Präzession den inzwischen verstrichenen 275 Jahren entsprach. Umständlicher ist es schon, den Ort eines Fixsterns iu Bezug auf den Aequator zu berechnen, da derselbe seine Lage zum Sternenhimmel nicht unverändert beibehält.- Die Prä- ») In Madler'£ „Geschichte der Himmefckunde" (Braunschweig 1873) heisst es im § 67 (Bd. 1 S. 178) unter der Rubrik «Allgemeine Präzession": Abnehmend in 100 Jahren um 0,02'. Statt „abnehmend" muss es „zunehm end* heissen.