Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 16.1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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— 6 — Wirkung der Präzession imd der Nutatiou sind, eine konstante Grösse. Tag für Tag durchwandern" sie dieselbe Himmelsbahn, besehreiben sie dieselbe dem Aequator parallele Kreislinie, deren Umfang um so grösser, je geringer ihr Abstand von jenem, und um so kleiner, je weiter sie von ihm entfernt siud. Die beiden sieh diametral gegenüberstehenden Punkte eines solchen Kreises, in deren einem das Gestirn seinen höchsten, in deren anderem es seinen tiefsten Stand am Himmel hat, nennt man seine Kulminationspunkte, jenen den oberen, diesen den unteren. Letzterer liegt bei den grösseren Kreisen unter unserem Horizonte, ersterer über demselben und zwar genau in der Mitte des vom Himmelskörper über unserem Gesichtskreis beschriebenen Bogens, seines sogenannten Tagbogens. Bei den kleinsten jener Kreise liegen entweder beide Punkte unter oder beide über unserem Horizonte; im erstereu Falle gehen uns die betreffenden Sterne überhaupt nicht auf, im letzteren gehen sie uns niemals unter. Denken wir uns die Kulminationspunkte aller Sterne auf dem kürzesten Wege mit einander verbunden, so erhalten 'wir eiueu Kreis, der durch die Pole der Weltaxe geht und den Gesichtskreis im Nordwie im Südpunkt schneidet. Wir bezeichnen ihn als den Meridian oder Mittagskreis unseres Ortes, weil wir in dem Augenblicke Mittag haben, iu welchem der Mittelpunkt der Sonuenscheibe denselben erreicht. Da er zugleich durch den genau über unserem Haupte befindlichen höchsten Puukt der Himmelskuppel, deu wir unser Zenith nennen, sowie durch dessen Gegenpunkt auf der unter uns sich wölbenden Halbkugel, das sogenannte Nadir geht, so steht er nicht allein suf dem Aequator, sondern auch auf dem Horizont senkrecht. Der zwischen diesen beiden Kreisen eingeschlossene Bogen des Ortsmeridians entspricht genau ihrer Neigung gegen einander und heisst die Aequatorhöhe; sie hat mit dem von Weltpol und Zenith begrenzten Bogen desselben gleichen Werth. Der zwischen Gesichtskreis und Pol befindliche Meridianbogen wird Pol höhe genannt uud hat mit, der geographischen Breite gleichen Werth. Da nun letztere eine konstaute Grösse ist, Pol- und Aequatorhöhe aber einander zu einem Rechten ergänzen, so ist die Neigung des Gesichtskreises zum Aequator ebenfalls unveränderlich. Nicht so die Höhe der Ekliptik oder der Winkel, den der Horizont mit der Erdbahn bildet. Auch diese beiden Kreise schneiden einander in zwei diametral entgegengesetzten Punkten, jedoch nicht immer an derselben Stelle, sondern zweimal des Tages, nämlich wenn die Aequinoktialpunkte durch den Gesichtskreis gehen, im Ost- und Westpunkt, sonst aber bald nördlich von diesem und südlich von jenem, bald wieder umgekehrt, in immer wachsenden und wieder abnehmenden Abstäuden, deren grösster Werth beim Durchgang der Wendepunkte ungefähr der Schiefe der Ekliptik gleichkommt. Es wiederholt sich hier demnach an jedem Tage der Vorgang, den wir au der Sonne im Laufe eines Jahres beobachten, mit dem Unterschiede, dass diese des Abends auf eben derselbe u, sei es nördlichen, sei es südlichen Seite des Aequators im Westen uutergeht, auf der sie Morgens im Osten aufgegangen, während bei der Ekliptik die Richtung der Morgenweite zum Ostpunkte stets derjenigen der Abendweite zum Westpunkte entgegengesetzt ist. Wird nun der Horizont in diesen Punkten von der Erdbahn geschnitten, so ist die Neigung der beiden Kreise gegen einander gleich der Differenz zwischen Aequatorhöhe und Schiefe der Ekliptik, wenn der Frühliugspuukt der letzteren durch den Ostpunkt des Gesichtskreises geht, dagegen gleich der Summe jener Winkel, wenn ebenderselbe durch deu Westpunkt geht, weil im letzteren Falle der Aequator zwischen den in Rede stehenden Kreisen, im anderen jenseits derselben steht; schneiden sie sich aber in zwei anderen Punkten des Horizont?, so ist das Maass ihrer gegenseitigen Neigung von der jeweiligen Grösse der — wie wir gesehen haben — sehr veränderlichen und jeden Augenblick einen anderen Werth annehmenden Morgen- und Abendweite abhäng ig und daher erst recht dem Wechsel unterworfen. Wenn in Fig. 1 Kreis AOB den Aequator, MON die Ekliptik, APLB den Horizont zur Anschauung bringt, A den West-, L den Süd-, B den Ost- und 0 den Frühlingspunkt bedeutet, so ist C der Nord- und D der Südpol, M und N je ein Wendepunkt, Kreis ACNBDM der Kolur der Solstitien, COD der Kohi r der xVequinoktien und zugleich