Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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— 22 — Gruppen, welche so gegliedert sein müssen and sein können, dass sie dem leisesten Drucke nachgebend jede geforderte partielle Bewegung bei Ruhe der Gesammtheit vollziehen könneu. 78) In ruhigen Bewegungen also, die einerseits langsam und allmählich, andererseits so vielseitig wie ratsam scheint, vor sich geht, geht auch die Besinnung niemals auch nur einen Augenblick verloren; der Fortschritt ist stetig, wird von den Associationen begleitet, bleibt klar und gestaltet sich, so weit dies auf der Bildungsstufe des Schülers möglich ist, zwar noch nicht zum System,*) aber zu einer Einheit. 79) Verständnis, da es discursiv ist, ist nur möglich durch Zusammenfassung oder Zusammenhaltung aller zusammengehörigen Einzelheiten mit dem Ganzen, das durch dieselben gestaltet wird. So jedes Bild, jede Erzählung, jedes Urteil und jeder Schluss. Die Einzelheiten, die nicht in einem Ganzen ihren festen Ort als Glied des Organismus haben, bilden einen blossen Schutt. Das Ganze ist früher als das Einzelne, und auf jenem beruht das Interesse. So mag der Lehrer in seinem Gange zuerst auf das Ganze, das Ziel, (wenn auch nur in leerem Umriss) zeigen und dann bei jedem Schritt bemerken lassen, wie man sich dem Ziele nähert. Dadurch wird das Interesse fortwährend befriedigt, und die Aufmerksamkeit, die leicht erschlafft, immer neu gespannt. 80) Mit solcher Aufmerksamkeit (Ruhe) und Beweglichkeit (Fortschritt) und Einheit ist nicht nur die Intensität des Interesses und die Energie des Erlernten gegeben, sondern wird auch die Ausbreitung des Interesses über die einzelnen Einheiten hinaus zur Harmonie der innern Bildung gefördert. Die Erkenntnisse, in den Einzelheiten deutlich, werden zum Ganzen in voller Klarheit. So gewinnt der Zögling schliesslich die Klarheit der Selbst-Erkenntnis, die Grundlage eines harmonischen Charakters. Ein Haupt-Interesse mit der Gewöhnung, demselben dauernde Aufmerksamkeit zu schenken, schützt vor Flatterhaftigkeit und leerer Vielwisserei. Er bildet ein Centrum und bewirkt Concentration, wobei es freilich darauf ankommt, dass dasselbe durch seinen Inhalt wertvoll ist. *) Von Vertiefung darf auf der Schule keine Rede sein. Dieses Wort wird dreifach gebraucht; in keinem Sinne bezeichnet es etwas hier zu erstrebendes. Wir nennen jemanden vertieft, der so sehr mit seinen inneren Bewegungen beschäftigt ist, dass er gegen äussere Eindrücke nicht mehr normal reagirt; oder er vergegenwärtigt sich zu andauernd Bilder der Freude oder des Schmerzes, bildet zu viel Associationen mit einer Leidenschaft - in diesem wie jenem Sinne soll sich der Knabe vor Vertiefung hüten. Man versteht aber darunter auch die Verknüpfung des Einzelnen durch alle Besonderungen mit dem Allgemeinsten, eine systematische Einheit der Welt-Anschauung: diese ist dem Knaben noch unmöglich.