Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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— 21 — formale Bildung? oder sollte diese noch etwas andres sein? Schwerlich! sie ist es und ist nicht mehr. Solche logische Ordnung, wie sie hier angenommen wird, unter einer nicht geringen Menge von Vorstellungen gibt der betreffenden Gruppe Empfänglichkeit, Associationskraft für alles unter diese Abteilung gehörende Material — aber nur formal. Wer eine Sprache beginnt, lernt die Vocabela allemal schwerer, als wer schon über eine grosse Fülle solcher Vocabeln verfügt. Wer schon mehrere Sprachen gelernt hat, lernt leichter noch eine hinzu. 74) Die Hauptsache aber liegt in der Macht der Vorstellungen. Oben (4*2) sagten wir, dieselbe sei für die Intelligenz so etwas wie die chemische Verwandtschaft in der Natur; sie ist. aber .auch so etwas wie die Kristallisationskraft und die organische Bildungskraft. Die Ordnung, welche in der einen Gruppe festgestellt ist, wird (nach der vierten Apperceptionsform) eine Macht zur Herstellung einer analogen Form in einer andren Gruppe, welche, abgesehen von der zu stiftenden Analogie, keine Gleichheit mit jener zeigt. Man classifieirt z. ß. Sprachen nach dem Muster der Tier- und Pflanzen-Classificationen; man analysirt ein Wort in "Wurzel, Stamm, Zweig, Sprossform, wie die Pflanze nach Analogie. Ueberhaupt wer die Formen des Denkens wie Ursache und Wirkung, Grund und Folge, Zweck und Mittel, Wesentliches (also Festes) und Unwesentliches (also Wandelbares), Typus und Variation nur an wenigen Beispielen und bestimmten Gegenständen erkannt hat, der hat sie als appercipirende Kategorien für alle möglichen Objecte inne. Wer da weiss, dass man Gesetze in der Natur sucht, der wird solche auch im Geiste suchen. Kurz: es gibt keine abgesonderten Kräfte der Seele, wie Verstand und Phantasie, mathemathischer und grammatischer Verstand u. s. w. wie die alte Psychologie wol annahm. Aber es gibt Vorstellungs-Gruppen, wie es Bezirke der Wirklichkeit giebt; diese kann man geistige Kräfte nennen, und ihre Pflege ist Bildung der Kräfte, d. h. formale Bildung. Verständnis. Ziel des Unterrichts. 75) Das Verstehen hat zunächst das Können neben sich; ersteres ist bloss innerlich; letzteres ist die Darstellung des Innern im Aeussern. Man sagt: „er kann französisch sprechen4* und „er versteht französisch Gesprochenes oder Geschriebenes". Dann aber hat das Verständnis einen anderen Gegensatz in sich. Man versteht teils Gedachtes, welches mitgeteilt wird, verhält sich also bloss aufnehmend; teils versteht man eine Wirklichkeit, verhält sich also schöpferisch. Selbst in dem Falle, dass letzteres nur eine Folge der erstem ist, dass Verständnis der Wirklichkeit durch Unterricht erlangt wird, dass der Schüler vom Lehrer dessen Mitteilung er verstanden hat, mittelbar das Verständnis der Sache gewinnt, immer ist Verständnis Apperception, und jede Wiederholung einer mittelbar oder unmittelbar gewonnenen Einsicht ist und bleibt eine Apperception; denn die Reproduction einer Erkenntnis ist allemal eine wiederholte Production. 76) Ruhe des Schülers ist für die Aufnahme der Worte des Lehrers erforderlich; kein Affect darf seine Vorstellung nach dieser oder jener Seite hinziehen. Er muss das äussere wie das innere Auge, die Aufmerksamkeit, fest auf einen bestimmten Punkt richten und auch darauf erhalten. Dies ist ebeD die Folge der Bereitschaft. Darauf soll der Lehrer seine Worte und sein sonstiges Tun so einrichteu, dass der Schüler es allseitig appercipiren kann; nicht nur verstandesmässig soll dieser das Wort verstehen, sondern, wenigstens gelegentlich, vom Worte ergriffen werden. So wird der Lehrer eindringlich, und er interessirt ungesucht. Denn die Aufmerksamkeit, einen dauernd gespannten Blick fordernd, ermüdet leicht, d. h. die Vorstellungen im Bewusstsein holen die mit ihnen associirten Vorstellungen nicht nach in das Bewusstsein. 77) Neben nämlich oder trotz der Ruhe soll der Geist des Schülers Beweglichkeit bekunden; denn jeder Unterricht durch Sprechen oder Zeigen vollzieht sich in Bewegung der Worte und des Zeigers. Dieser Gegensatz ist möglich, denn man appereipirt allemal in bestimmten Vorstellungs-