Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2273546-2273573--0548-2274317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 16 — dass der Freund einen neuen Rock trägt, dass sein Haar gekürzt ist, weil uns daran nichts liegt. Am Erblassen aber liegt vielleicht viel; deim wir merken daran, dass seine Gesundheit geschwächt ist. (vgl. 26.) 55) Ebenso wenn wir in einer bekannten Strasse eine Lücke bemerken: so mag uns die Lücke sogar gleichgültig sein; bemerkt wird sie durch die Unterbrechung der Verschmelzung der nach einander sich darbietenden Erscheinung der Häuser-Reihe mit der gewohnten Erinnerung. Man merkt nun aber, dass hiermit ein Wunsch oder ein Befehl der Obrigkeit ausgeführt ist. Man merkt das Unsichtbare, das über die Warnehmung hinausgehende, die Ursache oder die Absicht; und wenn diese Erkenntnis wichtig ist, so merkt man sich dieselbe, d. h. man appereipirt eine erscheinende Tatsache durch die erkannte Ursache oder Absicht, und knüpft daran eine eigne Absicht für die Zukunft nach Massgabe der vorausgesetzten Möglichkeit der Nutzbarmachung dieser Erkenntnis, Man gestaltet dieselbe zur Maxime des materiellen Handlens oder zum ethischen Grundsatze. 56) Hier ist eines besonderen, für den Lehrer aber vorzüglich wichtigen Falles zu gedenken. Er hat sowol Gehörtes wie Geschriebenes zu corrigiren, Fehler zu verbessern. Nicht am Fehler hat er eigentlich sein Interesse, nicht mit diesem verschmilzt sein Bewusstsein, sondern mit dem Richtigen, das er hören will, und woran sein Interesse hängt. Am Fehlerhaften bricht die Verschmelzung ab und so wird es bemerkt — doch nicht immer. Darauf beruht die Gefahr, dass der Lehrer falsch Gesprochenes richtig hört, falsch Geschriebenes nicht als falsch bemerkt und als richtig hingehen lässt: er lässt es zu, dass das Falsche mit seinem richtigen Bewusstsein verschmilzt, und so glaubt er das Richtige gehört oder gesehen zu haben. Im Sprechen oder Hören gehen drei Reihen durch unser Bewusstsein, und im Schreiben oder Lesen sogar vier, und diese dürfen einander nicht stören: Laut, grammatische Form, Denk-Inhalt und dazu Buchstaben. Im Leben kommt es uns auf den Inhalt an, und dieser wird bewusst, wenn überhaupt Verständnis vorhanden ist; die andren zwei oder drei Reihen geraten nur in Schwingung; jener ist der Zweck, das Andre ist bloss Mittel. Daher hören wir gewöhnlich sehr ungenau, eben nur genügend. Nicht nur Juni und Juli muss sehr deutlich gesprochen werden, sondern auch Ja und Nein. Denn wenn wir genügend hören, erraten wir das Ungehörte; in den genannten Fällen aber ist das Erraten unmöglich. Nun soll jedoch der Lehrer alle drei oder vier Reihen gleichzeitig mit gleicher Sorgfalt und Genauigkeit hören, um dieselben, wenn sie mit seinen eignen Reihen verschmelzen, für richtig zu erklären, wo aber die Verschmelzung stockt, den Fehler zu beobachten. Hieraus folgt für den Lehrer die Mahnung, die Arbeit zu teilen und je nach Gelegenheit die eine oder die andere Reihe genauer, d. h. mit Aufmerksamkeit zu beobachten. Die bekannteste Regel ist die, die Orthographie, so lange es nötig ist, durch Dictate einzuüben oder zu überwachen, nicht aber bei Stil-Uebungen vorzunehmen. Denn bei Durchsicht des Dictates bedarf der Inhalt und die Sprachform, welche der Lehrer selbst der ganzen Classe gemeinsam gegeben hat, keine Aufmerksamkeit; und die eine, sonst schwingende und leicht mit dem Richtigen im Kopfe des Lehrers verschmelzende Reihe der Buchstaben, wird sorgfältig ins Auge gefasst. 57) Wir wissen nun wohl schon ziemlich klar, dass der Lehrer, wenn er eben lehren soll, dem Schüler die Apperceptions-Fähigkeit einpflanzen soll, d. h. sachgemäss abgestuftes Interesse und Aufmerksamkeit. Dazu muss er auf die Vorstellungs-Gruppen desselben einwirken, und dazu wollen wir uns die Constitutionsformen derselben näher ansehen; denn die Einwirkung muss sich in ihrer Weise, ihren Mitteln und Erfolgen je nach der Eigentümlichkeit derselben anders gestalten. t Constitutionsformen der Vorstellungs-Gruppen. 58) Die erste Form ist die unmittelbare, welche wir im Ungebildeten finden. Auf niederster Stufe ist sie fast nur ein Haufe von Vorstellungen, welche, so zu sagen, durch ihr eignes Schwergewicht sich an einander fügen. Jede Vorstellung hat ja vermöge ihrer Entstehung durch Erfahrung im Leben, und also durch ihren Inhalt, gewisse Verbindung mit anderen. Es ist gewiss, dass der normale Mensch, wie ungebildet auch immer, Sprache besitzt: in dieser aber ist schon mehr gegeben