Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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— 14 — 47) Das Interesse überhaupt setzt allemal eine verhältnismässig mächtige, reizbare Vorstellungs- Gruppe, welche ihm dient, voraus; ein herscheudes Interesse bestellt nur mit einer herschenden Vorstellungsgruppe; und je mächtiger eine Gruppe, um so mehr wächst sie und wächst das Interesse; sie steigern einander beiderseitig. Bekannt ist die Lust, die wir (nicht in einem passiven Lust-Gefühl, sondern) an Betätigung oder Ausübung einer Bewegung gemessen, welche in der Form unsrer Leibes - Glieder und Gelenke vollkommen vorbereitet ist. Es ist genau so in der geistigeo Sphäre. Hier dürfte wol der höchste Genuss in der activ-passiven Unterredung liegen. Man begreift aber, dass alle geistigen Vergnügungen von dem leichten, exacten, glücklichen Fortgang der Processe des Bewusstseins abhängen. Daher die Lust an geistigen wie an körperlichen Spielen. Das Spiel ist die Ablösung der Tätigkeit von der Erzeugung des Nützlichen. Das Interesse mag zunächst an dem Ergebnis hängen, welches unsrem Dasein nützt; es geht aber bald über auf die Tätigkeit an sich. So hängt das geistige Interesse des Studiums sowol an der glücklichen Bewegung der Vorstellungs - Gruppen gegeneinander, als auch an dem gewonnenen Ergebnis, der Bereicherung der Erkenntnis; und die Erwartung solcher Lust in der Uebung und am Gewinn erzeugt die Bereitschaft, z. B. das Hervorholen und Aufstellen des Spielzeugs. 48) Das Interesse wird für den Unterricht in irgend einem Masse vorausgesetzt, und durch den Unterricht, durch Erhöhung der Reizbarkeit der betreffenden Vorstellungs - Gruppe, verstärkt; es ist ein Capital, das der Lehrer in geringem Masse vorfindet, und das er allmählich vermehren soll. Soll nun aber der Unterricht voll und allseitig erziehlich, wirklich Geist- und Gemüt-bildend wirken, so rauss nicht nur das theoretische, sondern auch das religiöse, ethische und ästhetische Interesse geweckt werden. Das letztere wird schon durch das Spiel vorbereitet, welches überhaupt den Wert hat, durch Ablösung der Form vom Inhalt, den Geist von dem rein utilistischen Interesse (dem Vorteil des praktischen Erfolges) zu befreien. Form und Inhalt sollen nicht feindselig gegen einander wirken; aber der Geist soll sich von dem Drucke, den die Sucht nach materiellem Wohlbefinden und Gewinn auf unser Gefühl ausübt, nicht bewältigen lassen. Dagegen soll die Schönheit, die sittliche Harmonie, die religiöse Erhebung uns in ihren Zauber ziehen. Das Interesse an allem Edlen, Hohen muss keine Gemeinheit aufkommen lassen. Das Kind hat ein egoistisches Ich; es hat aber auch, obgleich nur im Keime, ein edles. Jenes wird sich dann sicherlich entwickeln aus kindlicher Schwäche zu männlicher Bosheit, wenn nicht dieses mit Sorgfalt entwickelt wird, sodass es zur Herschaft gelangt. Das Mass der Hersehaft des edlen Ichs ist das Mass seiner Freiheit. Es müsssen also mächtige Apperceptions-Kräfte gebildet werden in unsren ästhetischen, ethischen und religiösen Vorstellungs-Gruppen, welche eine dargebotene Gelegenheit zum Handien schnell, sicher und ausschliesslich erfassen, bevor das geraeine Ich sein Wort abgeben kann. Die Aufmerksamkeit. Bemerken. Merken. Sieh merken. 49) Die Aufmerksamkeil wird durch das Interesse erweckt. Wofür wir kein Interesse haben, dafür haben wir auch keine Aufmerksamkeit. Der Ungebildete hat für sehr wenig Dinge Aufmerksamkeit, weil er die notwendige Vorstellungs - Gruppe entweder gar nicht besitzt oder nicht in der gehörigen Reizbarkeit; und folglich lernt er wenig oder nichts. Nun soll der Lehrer die Aufmerksamkeit rege erhalten, sonst bleibt sein Wort ein leerer Schall. Das Interesse mag zunächst ganz allgemein sein, Interesse des Knaben am Lernen überhaupt, an der Zufriedenheit des Lehrers und der Eltern, am Lobe, das er ernten will, an der eignen Genugtuung, an dein Ehrgeiz gegenüber seinen Mitschülern. Das kann vorläufig genügen, wenn nur auch das Verständnis des Wortes vorhanden ist. So mag dies das Alpha und Omega für den Lehrer sein: so zu reden, dass ihn der Zögling verstehen kann. Eine Vorstellungs-Gruppe im Schüler wird vorausgesetzt, wenn diese auch noch so ärmlich sein mag, welche aber für eine kleine Bereicherung durch den Lehrer hinlänglich Interesse und Reizbarkeit besitzt. Das ist die Kunst des Lehrers: das Wort zu finden, das nach dem jeweiligen Besitz-Stande der betreffenden Vorstellungs-Gruppe appercipirt werden kann.