Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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— 13 — denn um so grösser ist der Verwandtschaftsgrad beider, also die Tendenz ihrer Vereinigung, sei es zur Verschmelzung, sei es zur Verbindung. 2) Bei Verbänden und Gruppen ist es wichtig, ob die appercipirende Gruppe mehr oder weniger logisch geordnet ist. Die systematische Gliederung eines Gedanken-Inhalts bietet gewissermassen eine grössere Angriffs-Fläche, während eine ungegliederte Masse von Vorstellungen der Apperception weniger Handhabe bietet. Ferner: da in einem logisch geordneten Verbände jedes Element desselben mit jedem andren desselben in systematischem Zusammenhange steht, so muss die Erregung des einen Punktes (etwa durch sinnliche Congruenz oder sonst irgendwie entstandene Association) sich leicht, schnell und sicher über alle Elemente des Verbandes verbreiten. 3) Wie der chemische Process eine bestimmte Temperatur sowohl erfordert, als auch erzeugt, so hängt der Vollzug der Apperception oder die Unterlassung derselben von der Stimmung oder von der Vertiefung in einem bestimmten Gedankenkreis ab, gewissermassen von der Temperatur des Gemüts. Hier/u mag auch der ästhetische oder ethische Reiz, der einer Vorstellung innewohnt, mitwirken. Auf diesen drei Punkten beruht die Reizbarkeit eines Vorstellungs-Verbandes. Ohne Reizbarkeit würde die appercipirende Gruppe von der zur Apperception dargebotenen gar nicht reproducirt werden, nicht ins Bewusstsein kommen, also auch kemeJVlacht entfalten können, welche sie erst im Process geltend machen soll. Reizbarkeit und Macht, ohne identisch zu sein, bedingen doch einander, und sind beide relativ. 44) Eben darum können sich auch beide Reizbarkeit und Macht gelegentlich feindlich gegen einander stellen, und im Bewusstsein ein abnormes krankhaftes Verhalten bewirken. In einem Menschen kann es wol eine Vorstellungs-Gruppe geben, welche höchst reizbar ist, und darum in einem bestimmten Falle in das Bewusstsein gelangt, ohne die Macht der gesunden Apperception zu haben. Schon die Stimmung und der Charakter, etwa Trauer, Gereiztheit und übelnehmerische Laune, Gutmütigkeit oder Neid, Optimismus oder Pessimismus kann eine krankhafte Reizbarkeit gewisser Vorstellungen bewirken, welche eben der Stimmung oder dem Charakter analog sind, aber sachlich und an sich nicht die rechte Macht für den vorliegenden Fall hätten. 45) Zur Erklärung der Reizbarkeit ist nämlich noch an folgende Neben-Ursachen zu erinnern, vor allem an die Gewohnheit oder die Beschäftigung der Menschen. Der Stand, das Fach, die Profession bedingt notwendig die Bevorzugung einer Vorstellungs-Gruppe. Diese ist fortwährend in appereipirender Tätigkeit; sie ist herschend im Bewusstsein; in ihr lebt die Kraft der Gewohnheit, welche geistig wie körperlich errungen werden muss, weil sie jede zu vollziehende Bewegung erleichtert, und also auch beschleunigt. Sie ist darum ferner reicher als jede andre Gruppe, auch logisch gebildeter, und aus allen diesen Gründen leichter in Tätigkeit zu setzen, reizbarer. Der Dramatiker, der die Charaktere fest zeichnen will, muss jeder Person, die er vorführt eine herschende Vorstellungs-Gruppe geben, mit welcher jene alles was sie denkt, spricht und tut, appereipirt. 46) Die Stimmung wird teils durch körperliches Befinden verursacht, aber auch durch die Umgebung der Natur und der Menschen, welche so entscheidend auf das Gemein-Gefühl wirken. Es wird wol jemand furchtsam, der es sonst gar nicht ist, in der Einsamkeit an einem verrufenen Orte; übermütig in lustiger Gesellschaft; ein phrasenhafter Raisonneur und grausamer Revolutionär in einem Jacobiner-Club u. s. w. Einem Lehrer gegenüber, der die Disciplin in der Classe nicht zu halten versteht, wird zunächst bald der eine, bald der andre Knabe aufsätzig, bald aber die ganze Classe« Es fehlt diejenige Reizbarkeit für den Gegenstand des Unterrichts, welche von der Schule erfordert wird. Jene dagegen ist die ungestüme, fieberhafte Reizbarkeit, tatsächlich gleich derjenigen, welche, wenn sie in krankhaftem Zustande der Nerven liegt, Tobsucht genannt wird. Bei Knaben ist es Ungezogenheit, welche auch unter normalen Verhältnissen etwas in den kindlich lebendigen Nerven angelegt ist, aber sich so steigern kann, dass sie Krankhaftigkeit verursacht.