Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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12 — Die Bereitschaft ist also immer eine im Umfange beschränkte; es sind nur gewisse Vorstellungs- Verbände, die in Tätigkeit versetzt werden sollen. Wenn in der Geographie von Europa die Rede ist, mag Asien schweigen. Sie beruht auf dem Interesse, das wir entweder überhaupt oder insbesondere für diese Stunde haben, und sie erzeugt Aufmerksamkeit. Das Interesse. 40) Die Schule kennt nur ein didaktisches Interesse: lernen. Es gibt aber vieles, recht vieles zu erlernen. Darum soll im Schüler nicht ein „gleichschwebendes", sondern ein mannichfaches, aber abgestuftes, Interesse erzeugt und gepflegt werden. Die Art der Abstufung wird sich der Schüler selbst schaffen nach Fähigkeit und angeborener Lust. Vieles soll der Schüler kennen, in Einem soll er Meister werden; dieses bildet einen Mittelpunkt, von dessen Nähe und Ferne die Abstufung der sonstigen Interessen bedingt wird. Auf der Schule aber wird niemand Meister. Jeder Lehrer mag seine Stunde so geben, dass der Gegenstand grosses Interesse gewährt und möglicherweise in demselben später ein Meister erstehen könne. Doch selbst hier ist eine Unter-Ordnung unter den allgemeinen Schulplan geboten. Der Lehrer der Geographie z. ß. darf dieselbe nicht so lehren, als sollten ausschliesslich Geographen gebildet werden; aber sein Unterricht muss genügen, um gebildete Menschen zu erziehen, und vielleicht auch einen Meister der Geographie. Legen wir uns jetzt die Frage vor: Wie wird Interesse erweckt? Dazu muss die Macht der Vorstellungen erwogen werden. Macht der Vorstellungen und Reizbarkeit. 41) Man wird niemals eine bestimmte Apperception begreifen, warum sie überhaupt erfolgte oder ganz im Gegenteil gar nicht in Gang kam, warum sie so oder anders abschloss, wenn man nicht die Bedingungen der Macht einer Verstellung erkannt hat. Die Macht wohnt einer Vorstellung auch in deren Zustande der Unbewusstheit inne, und sie ist es, welche deren Bewusstwerden und ihre ganze Wirksamkeit bedingt. Wenn wir es nun auch dahin gestellt sein lassen, ob es Grade der Bewusstheit giebt, so steht doch fest, dass es Grade der Macht giebt. Die Macht einer unbewussten Vorstellung gibt sich z B. kund in der trüben oder heitern Stimmung, welche ein Trauerfall oder die Erwartung einer Freude verursacht; denn die Stimmung bleibt längere Zeit, auch wenn die Vorstellung des bestimmten Falles nicht in uns wach ist. Man kann die Frage aufwerfen: ist es die Macht der Vorstellung, welche das Gefühl, die Stimmung erregt? oder ist es das Gefühl, welche den Vorstellungen die Macht gibt? Dabei würde aber aus einander gezerrt, was wesentlich, zwar nicht Eins ist, aber doch zusammengehört. Keine Vorstellung ohne wenigstens ein Minimum von Gefühl, und keine ohne wenigstens eine Tendenz zur Bewegung. Die Macht einer Vorstellung oder Gruppe zeigt sich aber darin, dass sie die Kraft besitzt, sieh aus dem Gedränge mehrerer Vorstellungen, welches das Steigen derselben verhindert, aus der Hemmung heraus zu heben, oder auch umgekehrt, indem sie einer Vorstellung die Kraft gibt, eine andere aus dem Schlafe der Unbewusstheit zu erwecken, in das Bewusstsein zu ziehen. 42) Die Macht ist nicht nur abgestuft, sondern sie macht sich auch nur relativ geltend; jede Vorstellung besitzt dieselbe nur gewissen anderen gegenüber. Sie ist so etwas wie die chemische Verwandtschaft der Elemente gegen einander. Die Apperception kann einer chemischen Verbindung parallel gesetzt werden. Auch diese vollzieht sich nach Verwandtschatts-Graden, und wenn ein Element auf einen Verband stösst, so verbindet sich derselbe vielleicht mit einem Elemente aus diesem Verbände, indem es dadurch diesen letzteren auflöst. 43) Nach dieser Analogie mit dem chemischen Process bemerken wir: 1) Die Apperception vollzieht sich um so leichter, d. h. die Macht des appereipirenden Factors ist um so grösser, je grösser die Congruenz der Erscheinung mit einer Vorstellungs-Gruppe;