Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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— 11 — Endlich werde die vierte (und letzte) Form der AppeFception 38) genannt, die schöpferische. Im Processe der Apperception selbst wird das appereipirende Element erst geschaffen (nicht bloss im Ergebnis bereichert, wie in der subsumirenden Form). Gegeben sind unverständliche Erscheinungen. Nun wird durch eine noch nie vorher vollzogene Subsumtion mit andren Erscheinungen oder durch eine neue Harraonisirung mit allen diesen das Moment erst gefunden oder geschaffen, welches, aus dem Subject zu den Erscheinungen hinzutretend, dieselben appercipirt, in das System unsrer Erkenntnisse einreiht, begreift. So hat die Aufstellung der Anziehungs-Kraft, der Elektrizität u. s. w. eine Fülle scheinbar ganz zusammenhangsloser Erscheinungen erklärt, indem sie nicht nur selbst als neuer Gedanke appercipirend in den Process trat, sondern auch die zu appercipirenden Erscheinungen erst zu einer Gruppe von solchen vereinigt, welche eine gemeinsame Erklärung finden. Jede Welt-Anschauung, Mono- und Poly- und Pan- Theismus, die Descendenz-Theorie, sind Erzeugnisse schöpferischer Apperception, wie auch Illusion und Monomanie auf solcher beruhen. So vorbereitet, treten wir in die Schulstube und wollen sehen, was sich hier begibt. III. Der Unterrieht. Bereitschaft. 39) Was sich in der Schulstube begibt? Wunder über Wunder, nicht auszustaunen! Mehr noch als den Lehrer, der gewohnheitsmässig in die Classe tritt, muss uns beim einsamen Nachdenken über das, was im ßewusstsein der Schüler vorgeht, beim Vertiefen in die Kindes-Seele so etwas von heiliger Schauer ergreifen. Heilige Schauer? — Was ist denn hier zu sehen? Vier kahle Wände, welche ein helles Zimmer umschliessen, an deren einer allerdings eine schwarze Tafel hängt. Sonst kein Symbol. Aber da sitzen Knaben oder Mädchen reihenweise auf Bänken. Sie haben soeben noch laut gescherzt, in körperlicher Unruhe sich hierhin und dorthin bewegt. Jetzt ist Jedes auf seinem Platz; man hört allenfalls noch ein leises Kichern; auch dieses ist bald verstummt. Alles still! Das wäre nicht heilige Stille? — Was sonst? Ja, noch etwas höchst Merkwürdiges, wodurch jene Stille erzeugt wird. Was ist es, wodurch jenes Quecksilber, das da vor uns sitzt, so ruhig umfasst wird? Doch nicht bloss der Respect vor dem Lehrer, der vielleicht zu andrer Zeit mit den Kindern scherzt. Am wenigsten doch, müssen wir annehmen, die Furcht vor Strafe. Nein, sie sind bereit zu lernen, und sobald die Zeit vorüber ist, sind sie bereit zu spielen. Bereit, d. h. (wahrscheinlich auch etymologisch) gerüstet, geordnet; in unserem Falle: der Schüler ist mit den Waffen (Feder, Buch u. s. w.) versehen, um sie^ zweckmässig zu gebrauchen, und sein ßewusstsein ist geordnet, um die Processe zu vollziehen, die der Lehrer veranlassen wird, nur diese und keine andere. Wie eine Maschine mit einem Ruck so gestellt wird, um gerade so zu arbeiten, wie sie soll, Fäden zu spinnen oder zu verflechten, und das Material zur Arbeit erwartet, so der Geist des Knaben, um Geographie oder Religion oder Mathematik zu erfassen. Eine bestimmte weite Vorstellungs-Gruppe das Fach betreffend, das eben gelehrt werden soll, wird in Schwingung versetzt, und nur dieses; aber noch ist kein Bestandteil dieser Gruppe wirksam und bewusst, weil jeder es werden kann: so hemmt einer den andern. Darum besteht im Ganzen eine Spannung, bis dieselbe dadurch gelöst wird, dass durch das Wort des Lehrers ein bestimmter Vorstellungs-Verband in's ßewusstsein steigt.