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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1896-01-01 · 14.1896 · page 11

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
14.1896
Date
1896-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273573--0542-2274311
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— 10 — völlige Identificirung der beiden Momente der Apperception wirklich niemals erfolgt; und da andererseits der gemeine, ungebildete Begriff nicht mehr ist als Anerkennung eines Bleibenden im Wechsel von Möglichkeiten der Erscheinung desselben (der Inhalt des Begriffes Hund z. B. ist dasjenige Tier, welches nach Grösse, Farbe, Form, Bewegung und Lage, Gemütsart und Fähigkeit so oder so erscheinen kann): so ist der Process der subsumirenden Apperception häufigst von der identificirenden kaum zu unterscheiden. Die Vorstellung dieses Hundes, der so und so erscheinen kann, ist die allgemeinere gegen die durchaus einzelne Warnehmung desselben, gerade so wie der Begriff Hund die allgemeinere Vorstellung gegen die von dem bestimmten einzelnen. Auch darin kann die Verschiedenheit nicht liegen, dass bei der subsumirenden Apperception die hinzutretende Reflexion (R) mehr Spielraum hat in der Wegschaffung der abweichenden Merkmale und Herausschälung des Identischen, um die Verschmelzung zu ermöglichen; denn dies wird in der einen wie in der andern Form der Apperception oft stattfinden, aber nicht immer. Indessen dürfte doch darin ein entscheidender Unterschied liegen, dass in der identificirenden Apperception niemals mehr liegt als eben die Gleichsetzung, d. h. die Wieder-Erkennung; dass dagegen in der subsumirenden streng genommen niemals die Identität ausgesagt wird, sondern durch das Ergebnis desselben die Bereicherung sowol des Allgemeinen, als auch des einzelnen (des A wie des P) gegeben ist. In jener heisst es: dieser jetzt erscheinende Hund ist derjenige, den ich besitze (P—A2); in letzterer heisst es: auch dieses jetzt erscheinende Wesen ist ein Hund (P A2), wofür man denselben nicht sogleich gehalten hätte; es gibt also auch solche Hunde, und ich muss meinen Begriff Hund erweitern. Oder: auch dies ist ein Mensch; ich muss also meine Menschen-Liebe weiter ausdehnen. Leichter ist von den beiden dargelegten Formen die dritte Form der Apperception 37) zu unterscheiden, die harmonisirende. Unsre Urteile und Entschliessungen beruhen oft gar nicht auf dem Verhältnis der Ueber-, Unter- und Bei-Ordnung, sondern werden durch Stimmu ngen Erwartungen und Befürchtungen, Ideen u. s. w. bestimmt. Es kommt darauf an, ob zwei Vorstellungs- Verbände zusammen passen, ob eine Vorstellung unsrem leiblichen und geistigen Gemein-Gefühl benagt, unsren Neigungen entgegenkommt, u. s. w. Der Tod der Geliebten ist subsumirend leicht zu appercipiren, aber schwer mit unsrem Gemüt zu harmonisiren, welches noch voll ist von Gefühlen Erinnerungen und Wünschen, welche das Leben der Verstorbenen voraussetzt, und wir sagen: wir können es noch nicht fassen. Das Irren-Haus beherbergt manche Frau, die den Tod ihres einzigen Kindes niemals erfassen lernt. Vielleicht ist das der schneidendste Unterschied zwischen Recht und Ethik, dass nach dem Recht eine Handlung laut dem bestimmten Paragraphen des geltenden Gesetzes subsumirend appercipirt und danach bestraft wird oder straffrei bleibt; nach der Ethik aber wird eine Handlung gelobt oder getadelt, je nachdem sie den Ideen oder einer Idee derselben gemäss ist oder nicht. — Ebenso werden die grammatischen Formen nach den Regeln, alle künstlerischen Schöpfungen und praktischen Gebilde nach Mustern geschaffen, mögen die Regeln und Muster bewusst oder schwingend reproducirt sein. — Ferner: Man sucht zur Wirkung die Ursache, nicht als ob beide als Begriffe angesehen würden, die einander über- oder untergeordnet wären, sondern man holt die Bestimmung aus unsren sonstigen Erfahrungen von dem was geschieht. — Oft sehen wir die Erscheinung nur als Symbol an, welches uns den innern Vorgang lehrt, wie wir durchweg das Aeussere einer Person dazu verwerten, uns in das Innere derselben blicken zu lassen. — Je nach der allgemeinen Ansicht über den Gang der Welt, über das Wesen des Menschen und die Aufgabe desselben, und je nach Vorurteil und Aberglauben, nach Stimmung, wird gelobt und getadelt, gehasst und verachtet. — Typen von Tier- Gattungen, Charakter-Zeichnungen von einzelnen Menschen, von Völkern und Zeiten sind harmonisirende Apperceptionen, wie die Bilder des Epikers und Dramatikers in Wort oder die des Tief-Malers in Farbe. —

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