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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1896-01-01 · 14.1896 · page 10

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
14.1896
Date
1896-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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32) Kann nun so die schnelle Verschmelzung Unheil anstiften, so ist sie doch meist höchst nützlich; nicht nur das schnelle Lesen, sondern auch das Verstehen des Gesprochenen ist nur dadurch möglich, dass wir nicht Buchstabe für Buchstabe, Laut für Laut appercipiren, sondern einen wargenommenen Teil, den wir appercipiren, mit einem Ganzen verschmelzen lassen, indem wir den fehlenden Teil in das Gelesene oder Gehörte hineintragen. So las einmal ein Knabe: „Der Vogel pickte die .Brodsamen (statt Brosamen) auf." (Vgl. 24). 33) Auch ein Krankheits - Fall sei hier erwähnt. Man nennt denselben „Seelenblindheit" Der Leidende sieht die Dinge deutlich ohne sie zu erkennen, d. h. ohne sagen zu können, was dieselben sind, obwol sie ihm bekannt sind; nur wenn noch ein andrer Sinn hinzutritt, erfahrt er, was das Gesehene ist. Er sieht z. B. die Uhr, aber erkennt dieselbe erst durch das Ohr; er sieht die Flamme, weiss aber erst, was dieselbe ist, wenn er hineingegriffen und sich verbrannt hat; die Seife muss er erst belecken; mit einem Bunde Schlüssel muss man erst klappern. Was lehrt dies? Ich denke, es lehre mit Sicherheit, dass wir kein Ding etwa bloss durch das Auge erkennen, wie auch der Hund mit. durchschnittenem Geruchs-Nerv das Fleisch, das man ihm vorsetzt, nicht eher geniesst, als bis man es ihm in die Schnauze steckt, weil er es nicht zugleich riecht. Wenn also der geistig Gesunde die Dinge beim blossen Anblick erkennt, so wirken dabei doch alle anderen Sinne und alJe durch dieselben gewonnenen Merkmale mit, wenn auch nur schwingend. Es ist ein ganzer Verband von Merkmalen, der bei der Erscheinung eines Dinges in unser Bewusstsein gerufen wird und die erscheinende Vorstellung erfasst, und so das Ding als Einheit der Erscheinung und des Verbandes setzt (Vgl. 17). 34) Worauf beruht nun die vorzüglich bewährte Methode des Schreib-Lesens? Zunächst dürfte man sagen: auf der Vereinigung intellectueller Tätigkeit mit leiblicher Bewegung Dann aber besinnt man sich wol darauf, dass Schriftzeichen vor- und nachschreiben nichts andres ist, als die Weise, wie überhaupt körperliche Tätigkeit gelehrt wird: der Meister macht vor, der Schüler macht nach. Wie geht das zu? Das Sehen einer Bewegung erregt (setzt in Schwingung) vermöge des anatomischen Zusammenhangs (vgl. § 4 Zus. c) die motorischen Nerven, welche dieselben zu vollziehen hätten. Der aufmerksame Blick setzt also dem Leibe wirklich eine Fähigkeit ein. Einem ungelehrigen Schüler hat man wol auch die Hand zum Schreiben geführt. - nämlich damit die betreffenden Nerven nicht bloss in Schwingung, sondern auch einmal in die wirklich ausführende Bewegung geraten. Nun ist es ferner ein psychophysisches Gesetz, dass eine Bewegung, die gleichzeitig von Vielen geübt wird, und welche auch erwartet war, wie die Ausführung eines Commando's durch eine ganze Abteilung Soldaten, ungleich stärker auf uusre Nerven wirkt, wie die zufällig bemerkte eines Einzelnen. — Sollte dies nicht auch umgekehrt dahin gelten, dass die von vielen Schülern gemeinsam beobachtete und gemeinsam nachzubildende Bewegung des Lehrers kräftiger geübt wird als die in der Einsamkeit geschaute? Beruht nicht hierauf der Vorteil des gemeinsamen Sprechens und Singens? 35) Und was lernen wir hieraus nun weiter? ich meine: dies, dass der Lehrer alle linearen Formen der zu zeigenden Gegenstände, wie auch der geographischen Grenzen mit dem Finger oder Stabe in der Luft nachzeichnen solle; dass ferner Karten-Zeichnen, und das Zusammensetzen der in Stücke zerschnittenen Karten eine gute Uebung ist. Denn alle gesehene körperlich - räumliche Form wird nur dadurch mit dem Auge erfasst, dass sie im Bereiche der Nerven durch Bewegung nachgeschaffen wird. Hierauf beruht der willkürliche und auch der unwillkürliche Nachahmungstrieb. Wir gehen jetzt über zur zweiten Form der Apperception, zur subsumirenden Apperception. 36) Diese besteht darin, dass die innere, appereipirende Vorstellung allgemeiner ist, als die Vorstellung, weiche appereipirt werden soll, mag letztere eine Erscheinung (Warnehmung) sein oder eine Erinnerung; in jedem Falle soll sie sich dem Allgemeinern unterordnen. Da nun die Erscheinungen meist unvollständig aufgefasst werden, und es genau genommen kein unveränderliches Ding gibt, vielmehr jedes nach Beleuchtung oder Bewegung und Lage u. s. w. verschieden erscheint, also eine

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