Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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— 4 — indem sie aus der Ganzheit des Baumes ausgelöst werden, sogleich in dieselbe zu ihrer Erfüllung zurückkehren. So ist die Warnehmung, wenn sie vollzogen ist, intuitiv, aber nur discursiv kommt sie zustande. c) Wir denken in Wörtern, mögen wir hören, lesen oder produciren — in Wörtern d. h. notwendig in der Zeit, discursiv. Die Wörter dürfen aber nicht in der Vereinzelung bleiben: so wären sie sinnlos; sie müssen zusammengefasst werden zur Herstellung eines Sinnes, eines Gedankens oder einer Warnehmung. Nun kann man doch nur Gegenwärtiges zusammenfassen; selbst im einfachen Satze aber, geschweige in einer Periode und gewiss in einer Rede bleibt das erste Wort oder der erste Teil keineswegs bis zu Ende der Rede oder auch nur des Satzes im Bewusstsein — nein, nicht bewusst aber schwingend. Und was jemals mit einander verbunden war, bleibt im Geiste verbunden, trotz der Analyse, durch welche nur die Deutlichkeit gewinnt, und die Teile bleiben im bestimmten Sinne verbunden, z. B. der Stamm anders als das Blatt mit dem Baum. 13) Wenn eine vergangene Warnehmung durch wiederholte Vergegenwärtigung oder durch Erinnerung sich erneuert (reproducirt): so verschmelzen die beiden Vorstellungen mit einander, die alte und die neue zu einer, insofern in ihrem Inhalt kein Unterschied besteht, da ja ein und derselbe Act des Vorstellens (Bewusstseins) beide zugleich reproducirt- Nur dadurch können beide auseinander gehalten werden, dass man sich des Unterschiedes der Vergangenheit der einen und der Gegenwart der andren Vorstellung bewusst wird, oder dass man die gleichen Dinge (z. ß. mehrere Fliegen) neben einander warnimmt. So ergeben zwei ganz gleiche Warnehmungcn oder Erinnerungen oder Warnehmung und Erinnerung, weil denselben Inhalr, auch nur eine Vorstellung. 14) Die Vorstellungen mögen sogar gewisse Verschiedenheiten in ihrem Inhalte haben, nur dass uns daran für den Augenblick nichts liegt: so tritt dennoch Verschmelzung ein, und noch mehr, wenn zwar die wargenommenen Dinge in Wirklichkeit manche Verschiedenheiten tragen, welche aber nicht in die Warnehmungen aufgenommen worden sind. Diesen verschmolzenen Inhalt mehrerer oder vieler Vorstellungen nennen wir eine Anschauung. Aus unzähligen Warnehmungen von Fliegen, Pferden, Hunden u. s. w. bilden wir nur je eine Anschauung. Diese tragen wir als dauernden Besitz, als Bestandstück unserer Intelligenz in uns, während die Warnehmungen mit der Gegenwart vergehen. Ferner ist sie niemals, wie letztere, bloss individuell, sondern schon allgemein, wenn auch in niedrigstem Grade. Endlich ist sie nicht intuitiv, sondern schon discursiv, wie folgende UeberJegung zeigen mag. (Vergl. auch § 18.) 15) Intuitiv heisst mit einem Schlage, einem Acte, nach seinem ganzen Inhalte bewusst sein (§12 Zus. b), wie jede volle Warnehmung, selbst als deutliche Erinnerung. Hier steht der ganze Inhalt einer Erkenntnis gleichzeitig in der Bewusstheit. Discursiv heisst: wir werden uns des Inhalts nur in einzelnen Stücken nach einander bewusst. Die Anschauung von Pferd umfasst jedes Pferd, das wir jemals gesehen haben, das entweder braun oder schwarz oder weiss war, das sich durch Grösse, Kraft, Schönheit von anderen unterschied, ledig oder beritten oder vor den Wagen gespannt war. Die Möglichkeit dieser Verschiedenheiten gehört zum Inhalte der Anschauung Pferd und erstreckt sich über alle Teile und Verwendungen desselben. Dieser Mannichfaltigkeit der Qualitäten und Formen, welche uns niemals in einer Warnehmung geboten werden kann, werden wir uns nur analytisch und discursiv, eines Momentes nach dem anderen, allmählich bewusst. — Folglich ist auch die Anschauung niemals eine Vorstellung, sondern immer ein Vorstellungs-Verband. Der ganze Verband aller Momente des Inhalts einer Anschauung aber wird von der Intelligenz vermöge des wunderbaren Kunstgriffes der Sprache (zunächst des Wortes) zu einer Einheit zusammengefasst und bewusst gemacht, während die einzelnen Momente nur in Schwingung versetzt werden. Wie der Vogel seinen Fittig nur durch einen einzigen Willens-Stoss ausbreitet, ohne jeder einzelnen Feder vorzuschreiben, was sie tun solle: so bewegt die Intelligenz mit dem Worte den Gesammt-Inhalt im Bewusstsein, bringt dessen Einzelheiten aber nur in Schwingung. (Vgl. § 12). 16) So geschieht es in noch höherem Masse mit dem Begriffe. Der Begriff wird aus der Anschauung gewonnen, indem der Inhalt, durch genaueste Beobachtung und Experiment gesichert und erweitert, nach den logischen und methaphysischen Kategorien bearbeitet wird. Nun bedenke man den