Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ducirte), Warnehnmng sein oder auch ein höchst allgemeiner Begriff: dies sind logische Unterschiede. Dass wir von Begriffen wie von Anschauungen psychologisch reden, geschieht doch nur, insofern ein Act der Seele dieselbe bewusst macht, derselben Bewusstheit verleiht, werde diese durch Sinnes- Eindrücke oder durch Erinnerung bewirkt (§ 6). 12) Die Vorstellung, einmal gebildet, bleibt immer dieselbe (§ 10). In Bezug auf ihre Beschaffenheit aber ist sie dreifach: bewusst oder unbewusst oder schwingend, d. h. obwohl unbewusst, dennoch in die Bewegungen des Bewusstseins einwirkend. Wir könnten uns freilich denken, dass, wie ein Zug viele Fäden in Bewegung setzen kann, so auch ein Seelen-Act mehrere oder viele Elemente einer vielfachen Vorstellung bewusst machen könnte. In gewisser Weise tut dies auch die Seele, aber nur so, dass sie die Vorstellungen als Gesammtheit eines geistigen Inhalts, als einen einheitlichen Inbegriff ins ßewusstsein bringt, aber nicht ihre einzelnen constitutiven Elemente. Diese letzteren könnte sie nur wieder als je einzelne Vorstellungen nach einander hewusst machen. Wo aber ihr Zusammenwirken nötig ist, z. B. um das Verhältnis der einen vielfach zusammengesetzten Vorstellung zur anderen (der Pflanze zum Tier) darzulegen, oder um etwas von ihrem Inhalt auszusagen, was diese in ihrer Gesamtheit trifft, da würde die Bewusstheit aller Elemente störend sein oder immöglich. Jede in sich mehrfache Vorstellung kann also einerseits in allen ihren constitutiven Momenten vereinzelt bewusst werden, kann aber auch als ungetrennte Gesammtheit bewusst werden — beides durch das Wort. Denn durch das einheitliche Wort wird die Vorstellung einheitlich vor das Bewusstsein gebracht. Baum z. B. ist eine Vorstellung, welche Wurzel, Stamm, Zweig, Blatt als Momente umfasst, die auch ihrerseits durch Wörter vereinzelt vorgestellt werden können.*) Zusatz: a) Wie hier die bewusste und die schwingende Vorstellung von einander unterschieden werden, deckt sich die Sache ungefähr mit dem physiologischen Unterschiede von Gesichtsfeld und Gesichtspunkt (welchen Wundt bei Gelegenheit der Apperception in ganz unzutreffender Weise herbeigezogen hat). Reden wir vom Baum, so ist der Stamm allemal mit gemeint, obwohl nicht bewusst, also schwingend. Es beruht dies auf der sogenannten Enge des Bewusstseins. Es wäre übertrieben kurzweg zu sagen, unser Bewusstsein könne immer nur einen Act ausüben und niemals zwei Acte zugleich. Jede Gesichts-Anschauung, jede Harmonie der Töne und Farben und jedes Concert lehrt das Gegenteil. Allerdings aber ist die Weite der Bewusstheit allemal beschränkt, zumal wenn nicht ihr Bestand, sondern ilire Erzeugung in Betracht kommt. Warm und kalt zugleich können wir nur in verschiedenen Gliedern, also verschiedenen Organen, empfinden. Bitter und süss lassen sich nicht vereinigen, so wenig wie Rosen- und Nelken-Geruch, und auch nicht eine Warnehmung, selbst einfachster Art, mit einer absichtlichen Bewegung. Wenn das Auge am meisten zusammengesetzte Warnehmungen mit einem Schlage erfasst, so kommt es noch darauf an, wie viel Täuschung hier mit unterläuft. Denn das Auge bewegt sich schnell, und manches, was im Nacheinander erfolgt, erscheint uns gleichzeitig. Bei umfangsreichern Bildern (und geringer Gewöhnung) zeigt sich das Wandern des Auges von Punkt zu Punkt deutlicher. — Durch Worte ausgedrückte Vorstellungen aber werden vom Ohre nur nach einander aufgenommen. Und hier zeigt sich erst die volle Bedeutsamkeit dieser psychologischen Einrichtung, wie folgende Betrachtung zeigen mag. b) Wie mag sich im Kinde eine Warnehmung bilden? Zuerst scheint es, sei ihm ein Ganzes, ein Gesichtsfeld gegeben. Das Auge aber bewegt sich nach allen Seiten, das Kind wird hin- und hergetragen: so erweitert sich das Gesichtsfeld nach allen Seiten, seine Grenzen schwanken; auch mag das Bewusstsein sehr arm sein. So erscheint schon hier eine Synthese als erstes. Zu den Gesichts-Eindrücken kommen Geschmacks- und Gehörs-Eindrücke, die sich mit jenen verbinden. Kurz: insoweit der kindliche Geist ganz passive Aufnahme äusserer Eindrücke ist, kann er nur synthetisch sein; insofern aber diese Synthesen in verschiedener Form (mit bestimmter Bedeutung z. B. der Geschmack der Milch, das Stillen des Hungers mit einer bestimmten Lage auf dem Schosse der Säugenden und dem engen Gesichtsfelde dieser Frau) erfolgen, so liegen in denselben schon Analysen, durch welche die Bewusstheit des Vorgestellten zwar erhöht wird, ohne dass der Prozess selbst der Synthesen und Analysen auch gedacht würde. So entstehen allmählich die Warnehmungen einzelner Dinge und Personen selbst nicht schon ohne Analyse, dann besonderer Teile derselben durch Analyse, Auflösung des Ganzen in seine Teile — alles mit wachsender Klarheit und Deutlichkeit; d. h. die Analyse wird augenblicklich aufgehoben, indem ihr die Synthese verbleibt Der Baum z. B. wird zerfällt in Stamm, Zweig und Blatt, welche, *) Ueber die weite Wirksamkeit schwingender Vorstellungen, auch in praktischer Hinsicht, s. meine Einleitung.