Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273573--0534-2274303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des Zusammenhanges der sensitiven und der motorischen Nerven in pathognomischer Weise durch Lachen und Weinen, Jauchzen und Stöhnen, Erblassen und Erröten und körperliche Verstimmung aller Art. Das Begehren äussert sich zunächst in Bewegungen der Glieder des Körpers, in Handlungen, praktisch. Dann aber in weiterer Entwicklung der Intelligenz werden auch die Gefühle wie die Empfindungen und Begehrungen zu blossen Erinnerungen, und als solche gedanklich erfasst. So werden sie Vorstellung, d. h. Sprache; denn abermals durch eine Beziehung zwischen Denken und Laut-Organen giebt sich die Vorstellung in Worten und deren Formung und Fügung kund. Die pathognomischen Erscheinungen der Gefühle, die Lautwerdung der Vorstellungen und alle Bewegungen beruhen auf dem Zusammenhang der centripetalen Nerven mit den centrifugalen. 6) Die Intelligenz lebt in doppelter Weise: teils durch die unmittelbare, gegenwärtige Einwirkung der Aussen weit auf die Seele, teils durch blosse Erinnerung. Durch die erstere Weise entstehen die leiblichen Gefühle und die Sinnes-Empfindungen, aus denen sich die Wahrnehmungen zusammensetzen; die Erinnerungen aber kommen in dreifacher Möglichkeit: erstlich, eine gegenwärtige Warnehmung erinnert an eine ältere; oder zweitens eine in Lauten (sprachlich) geäusserte Warnehmung (oder ein begrifflicher Gedanken-Inhalt) erinnert an eine ältere; oder drittens eine Erinnerung erinnert an eine andere. 7) Eine Erinnerung kann nur gegenwärtig sein — oder sie ist nicht. Sie macht eine andere, die nicht gegenwärtig ist. zu einer gegenwärtigen, d. h. reproducirt sie, und verschwindet dann aus der <Jegenwart. Die lebendige Gegenwart einer Warnehmung oder einer Erinnerung in der Intelligenz nennen wir die Bewusstheit derselben, vermöge deren sie im Bewusstsein sind. Jene Reproducirung einer vergangenen Warnehmung als Erinnerung und die Reproducirung einer Erinnerung durch die andere und das Verschwinden der letzteren durch die erstere stellt gewissermassen einen Zug, eine Bewegung von Elementen der Intelligenz durch das Bewusstsein hindurch dar. Wir haben in jedem Augenblick nur wenig als Erinnerung oder Warnehmung im Bewusstsein, verglichen mit dem Gesammt-lnhalt unsrer Intelligenz. Das Leben, die Wirksamkeit derselben beruht also auf dem lebendigen Flusse der Erinnerungen durch unser Bewusstsein. 8) Jeden Erinnerungs-Inhalt, insofern er in unsrem Bewusstsein ist, nennen wir Vorstellung, und insofern er lautlich bezeichnet ist, ist er ein Wort. 9) Nach ihrem Inhalt ist die Vorstellung ein Gefühl oder eine Empfindung (überhaupt Erkenntnis) oder ein Begehren (auch eine Handlung oder eine praktische Einrichtung, wie z. B. das Recht). In der Vorstellung wird dieser Inhalt für unser Bewusstsein rege. Doch nennen wir einen solchen Inhalt der Intelligenz, insofern derselbe, wenn er auch gerade jetzt nicht bewusst ist, doch bewusst werden kann, immer eine Vorstellung; denn mit diesem Worte benennen wir jeden geistigen Inhalt bloss mit Rücksicht darauf, dass er im Individuum bewusst werden kann. 10) Die Bewegungen der Vorstellungen innerhalb der Seele, also das Werden, Wachsen, Leiden, Gebären derselben, unterscheiden sich von den natürlichen Ereignissen in wesentlicher Weise. Notwendig, ursächlich durchaus bedingt, sind jene wie diese. Während aber in der Natur alles Geschehen auf einer Bindung oder einer Lösung der Atome beruht, sodass ein bestimmtes Ding mit der Auflösung in Atome verschwindet, vernichtet ist, während dieselben Atome zum Bau anderer Dinge verwendet werden, so bleibt jede Vorstellung, z.B. eines Dinges, unveränderlich dieselbe, wenn auch dieses Ding zerbricht, nur dass dadurch die neuen Vorstellungen von den Bruch-Teilen und von dem Vorgang der Teilung entstehen; und wenn die Vorstellungen einzelner Tiere zum Begriff Tier zusammengefasst werden, so hören jene einzelnen Vorstellungen darum nicht auf, volles Leben in der Seele zu haben. 11) Die Vorstellungen können also einen sehr einfachen oder einen höchst vielfachen Inhalt haben, wie z. B. rot und Farbe und Sittlichkeit. Was den geringsten und den mannichfaltigsten Inhalt zu einer Vorstellung macht, das ist der einheitliche Act der Bewusstmachung. Vorstellung ist also die eigentlich psychologische Kategorie, und auch ob der Inhalt concreter oder abstracter Art ist, macht hierbei keinen Unterschied. Sie kann eine individuelle, gegenwärtige oder erinnerte (repro-