Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 14.1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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I. Psychologische Hypothesen. 1) Die Seele steht in engstem Zusammenhange mit dem Leibe, und wir wissen vou derselben nur so viel, als uns durch den Leib verraten wird. 2) Es ist namentlich und zunächst die Nerven-Organisation des Leibes (d. h. die Nerven-Fäden und das Centrai-Organ im Gehirn und Rücken-Mark), an welche das Seelen-Leben geknüpft ist. 3) Nun unterscheiden wir näher Gefühls-, Empfindungs- und Bewegungs-Nerven und sprechen danach der Seele drei Grund-Kräfte zu: Gefühl, Empfindung und Begehren. Die Gefühle betreffen unsere seelischen Zustände in Schmerz und Lust, sind angenehm oder unangenehm» mögen sie durch körperliche oder geistige Ursachen veranlasst sein. Schmerz macht uns z. ß. ein Stein, der uns trifft, oder ein Krampf, oder eine Trauer-Nachricht. Die Empfindungen sind Erkenntnisse, die wir durch die Sinnes-Organe gewinnen, und deren Combination die geistige Welt schafft. — Die Gefühle sind nicht nur insofern verschieden, als sie Schmerz oder Lust sind, sondern auch nach ihrer besonderen Beschaffenheit. Wir unterscheiden, abgesehen vom Kopfschmerz und Brustschmerz u. s. w., auch Stich, Druck, Kitzel u. s. w. So steckt im Gefühl ein Element der Erkenntnis, und die Empfindungen andererseits, namentlich mehrere gleichzeitig, sind mit Gefühl verbunden. In einem Bade mit angemessener Temperatur empfinden wir die Wärme mit einem angenehmen Gefühl, und wir reden von einem augenehmen und unangenehmen Bitter und Süss. 4) Die Intelligenz, d. h. die gesammte in jenen drei Kräften sich betätigende geistige Kraft, schafft über der Welt der Körper in den Seelen eine geistige Welt, indem sie die Intelligenzen der einzelnen Menschen und der Generationen in einander webt, wobei die Erkenntnis stets von der Mitwirkung des Gefühls und des Begehrens begleitet wird, beide eben so wol anregend, als durch dieselben gefördert. Zusatz: a) Der Wille ist eine höhere im geistigen Leben entwickelte Form des Begehrens, ist also fern davon, die ursprünglichste Weise der Seelen-Tätigkeit oder gar das Ding an sich zu sein. Er setzt allemal einen entwickelten Geist, Gefühl und Erkenntnis voraus, nämlich die Bildung einer Absicht, einen Entschluss, Ueberlegung. Nun weist man darauf hin, dass wir, um diese geistigen Tätigkeiten, zu haben, den Willen schon haben müssen; dieser soll also nicht blos unsere Glieder in Bewegung setzen, sondern auch unsere Intelligenz leiten. Dies ist mangelhafte psychologische Einsicht. b) Allerdings reden wir von Bewegungen auch innerhalb der Intelligenz oder in der Seele. Diese werden aber, wie die Bewegungen in der Natur, von eignen, unwillkürlichen, ja, man sage nur immerhin: blinden Kräften und Gesetzen bewirkt; und nun bleibt es Aufgabe des Psychologen zu zeigen, wie in diesem Geflecht blinder Kräfte eine Absicht entstehen, und wie diese jenes soll leiten können. Dies ist die Aufgabe des Nachweises der Freiheit. c) Die sensitiven Nerven (d. h. Gefühls- und Empfindungsnerven) wirken centripetal (leiten der Seele zu), die motorischen heissen centrifugal. Sie stehen unter einander im Central-Organ in derartiger Verbindung-, dass die Reizung eines Nerven der einen Art sich in gesetzlich bestimmter Weise (anatomisch disponirt) auf einen Nerven der anderen Art überträgt. 5) Unsre Intelligenz, als ein geistiges Doppel-Universum, welches den gesammten Inhalt der natürlichen und ethisch-menschlichen Welt umfasst, insofern sie als rein seelisches Gedanken-Gewebe parallel der körperlichen Welt besteht, giebt sich durch die Sprache kund und entwickelt dadurch zugleich ihren Inhalt und ihre Form. Die Gefühle als solche äussern sich zunächst zwar vermittelst l