Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 13.1895
- Date
- 1895-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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— 21 — in Zukunft geschaffen werden, da sie unter dem Paradies keinen irdischen Ort verstehen konnten. Ihre ■Gegner waren der Ansicht, dass beide schon geschaffen seien, das Paradies sei zwar kein irdischer Ort, aher es ist dasselbe, in welchem sich Adam aufgehalten'). Sa'adja meint mit den Mu'taziliten dass der Ort des Lohnes und der Strafe in Zukunft geschaffen werden sollen2), Sa'adja folgt auch in der Behauptung den Mu'taziliten, dass diejenigen, welche eine Hauptsünde begangen, ohne im Leben Busse gethan zu haben, der ewigen Verdammniss verfallen3). Das letzte Capitel im religionsphilosophischen Werke des Sa'adja ist eine ethische Abhandlung über die beste Lebensführung. Iri manchen Kalämwerken findet sich zwar ein Capitel fi-l-saläh wa- 1-aslah, aber diese Frage hat mit den Ausführungen des Sa'adja nichts gemein. Diese bieten uns zwar ein interessantes Culturbild, indem sie die Lebensauffassung der muhammedanischen Gesellschaft im östlichen Chalifate uns vorführt, der Nachweis der thatsächliehen Verhältnisse, welche zu diesen Schilderungen Anlass gegeben haben, liegt ausserhalb des Rahmens dieser Abhandlung4). Wir haben versucht, die mu'tazilitischen Elemente in den Anschauungen des Sa'adja nachzuweisen und es ist aus unserer Untersuchung ersichtlich, dass die Schriften der grossen mu'tazilitischen Öejche5), und die Anschauungen der Bagdädensischen und Basrensischen Mu'tazilitenschulen ihm bekannt sein mussten. Er behandelt Fragen in einem Zusammenhange, dass dieser, wie auch seine Terminologie beweisen, er sei sehr wohl mit den Producten des muhammedanischen religiösen Denkens bekannt gewesen. Nichtsdestoweniger scheint er sogar in solchen Puncten, wie die Beweise für das Dasein Gottes, eine gewisse Selbständigkeit sich bewahrt zu haben, denn wenn er auch mit denselben Begriffen arbeitet, so haben sie doch eine andere Form, als in den uns zugänglichen Kalämwerken. In vielen Fragen konnte er sich von der Lehre der muhammedanischen Theologen nicht weit entfernen, weil diese eben dem Judenthume entlehnt waren. Trotz des muhammedanischen Einflusses kommt doch das speeifisch jüdische bei ihm vollkommen zur Geltung, wofür wir nur auf seinen Standpunct in der Frage der Abrogation des Gesetzes und auf die Behandlung der Messiasidee hinzuweisen brauchen. Zu den grossen Verdiensten des Werkes gehört es, dass in ihm zum ersten Male im Judenthum die Arbeit der Vernunft als eine Quelle der religiösen Erkenntniss hingestellt wird, vor welcher der einfache Sinn des Schriftwortes und der Tradition zurückweichen muss. Die Mu'taziliten haben zwar derselben Anschauung gehuldigt, aber eine höchst characteristische Thatsache bleibt es, dass der Gaon von Sura sich dieser Anschauung und nicht derjenigen der As'ariten oder der muhammedanischen Orthodoxie angeschlossen hat. Zu den anziehendsten Seiten des Werkes gehört, die mehrfach hervorgehobene anthropocentrische Weltanschauung, die Begeisterung, mit welcher in ihm von der Hoheit und Würde der Menschenseele gesprochen wird, deren Stoff nach Sa'adja höher steht als derjenige der Sphären, die trotz der Kleinheit ihrer Hülle umfassender ist als der Himmel, die den Endzweck der Schöpfung bildet. Es ist das eine Anschauung, welche später auch im Judenthume z. B. von Maimonides zurückgewiesen ») Milal II 81b. SÜj**+Jt ^y* tefda vi^PÖ Jv*j>U jLä fc jjJi* i^füf o&> . LÄälö. c\ä UajI 0^Ju«-Ji J (J\ <r jj-^ -) Amänat 269. a) Amänat 277. ^jJ^Ä+itj jl&Jof i3y»li <—»L\*JI Jüfl^ ^uXÜ ,«—Jül ViH5^ .^Ji I^^äj Qjj^i 4J'u>^5. Mäd 89a. Jsj>LÜ äj*^ jyLo aüjÄstj! jä^Uä- . oyü" oLcLtaJl tr*^" Vt*-^ -ia>-2>C» Zu der von Sa'adja an letzter Stelle behandelten Frage, ob es im Jenseits Pflichten zu erfüllen gebe, s. oben S. 20, A. 1. 5) Die Aniänät S. 290, Z. 10 ff. erwähnte Theorie findet sich auch bei al-jtf as'M VI S. 379. 4) Ich habe nicht gefunden, dass Sa'adja zumeist mit al-Gubbä1! übereinstimmt, wie dies Guttmann a. a. 0. ,S. 31 annimmt, und ich kann auch keinen Sejch der Mu'taziliten namhaft machen, als dessen Anhänger er bezeichnet werden könnte.