Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 13.1895
- Date
- 1895-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2273546-2273571--0468-2274236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 16 — müssten die Gläubigen und Ungläubigen in gleicher Weise belohnt werden, da sie doch alle nothwendig so handeln mussten. Nachdem Sa'adja seine Anschauungen also dargelegt, sucht er mehrere Einwürfe, welche gegen die Lehre von der Willensfreiheit erhoben worden sind, zu widerlegen. Manche werfen die Frage auf, warum denn Gott das Böse in der Welt dulde1), wozu die Gebote an den Frommen gerichtet werden, von dem doch Gott weiss, er werde sich gegen seinen Willen nicht empören2), wozu die Propheten an die Ungläubigen gesandt wurden3) und endlich wenn die Märtyrer wegen ihrer Sünden, oder als Versuchung den Tod erdulden müssen, warum sollten dann ihre Peiniger bestraft werden. Alles Fragen, die auch von den muhammedanischen Theologen behandelt wurden. Mit der Erklärung von Stellen der Schrift, welche seiner Anschauung zu widersprechen scheinen,, schliesst Sa'adja das Capitel. Wenigen Spuren des Einflusses, den die muhammedanische Literatur ausgeübt hat, begegnen wir im Capitel über „Verdienst und Schuld"4). Der Grund davon mag darin liegen, dass die Frage vom Woblergehen der Frevler und von den Leiden der Gerechten auch in der nachbiblischen jüdischen Literatur sehr häufig behandelt wird, so dass Sa'adja die zerstreuten Bemerkungen über diesen Gegenstand nur in einen ihn befriedigenden Zusammenhang zu bringen brauchte. Die Reflexion der Juden hat eben in diesem Puncte unter dem Einflüsse der heiligen Schrift, insbesondere der prophetischen Schriften, reichlich Früchte getragen. Nichtsdestoweniger begegnen wir einigen Ausdrücken, welche auf den Einfluss des Islams hinweisen. So ist der Ausdruck iü^wo für die „Classen", in welche die Mensehen nach ihrem Betragen in religiöser und sittlicher Beziehung eingetheilt werden, dem Kaläm entlehnt. War es doch eine neue, specifisch mu'tazüitische Lehre, dass Wäsil Ibn 'Atä' eine dritte „Classe" (jjtsljX* xijuo) für diejenigen angenommen hat, die eine Hauptsünde begangen haben6). Das Wort 0Uj| wird von Sa'adja in dem Sinne gebraucht, dass es auch die Erfüllung eines einzelnen Gebotes bedeutet, was ebenfalls auf eine mu'tazilitische Anschauung hinweist, denn nach dieser war die Erfüllung eines einzelnen Gebotes ^UjI6). Die Zusammenstellung der Bedingungen der Busse, des Gebetes, die Aufzählung der Sünden, die nie vergeben und derjenigen, die in dieser Welt geahndet werden, trotzdem für alle Belege aus der Schrift und aus dem Talmud angeführt werden, erinnert an die Art, wie dieser Gegenstand in süfistischen Schriften bebandelt zu werden pflegt. Im Abschnitt, der über das Wesen der Seele und was damit zusammenhängt, handelt, wollte man bisher nur den Einfluss aristotelischer Anschauungen, oder solcher, die im Buche des Aristoteles über die Seele erwähnt werden, suchen7). Hier gilt es aber am meisten, was wir schon oben bemerkt haben, dass manche Anschauungen, welche von griechischen Philosophen zuerst ausgesprochen wurden, aber von den Peripatetikern verworfen worden sind, von den muhammedanischen Theologen wieder aufgenommen wurden, weil sie dieselben in ihrem System sehr wohl verwerthen konnten. Dies war der Fall bei der Atomenlebre und auch bei manchen Anschauungen über die Seele. Sa'adja erwähnt sieben Ansichten über das Wesen der Seele, die zwar zum Theil bei Aristoteles erwähnt werden, aber wir erfahren durch Ibn Hazm, dass diese Anschauungen auch unter den Mutakallimün Anhänger gehabt haben. Die von Sa'adja erwähnten Anschauungen8) sind: 1. Die Seele ist ein Accidens;.!) Amänät 154 S. Al-Igi S, 129. 2) Das. S 155. 8) Das. S. Muht. Cap. 32. 33. 4) Ueber die im Eingänge des Capitels erwähnten Physiognomiker XsLäJi s. Goldziher, Muhammedanische Stadien I 184. 5) Steiner, die Mu'taziliten, S. 74. Houtsma, a. a. 0. S. 39. Eine andere Entlehnung s. bei Bacher Die Bibelexegese der jüdischen Eeligionsphilosophen S. 31 Anm. 3. «) Amänät S. 172, s. Houtsma, a. a. 0. S. 35, und die von mir, Zur Gesch. des Aä'aritenthums S. 28 angeführten Stellen. *) Gruttmann a. a. 0. S. 195 ff. Schmiedl, Studien S. 127 ff. 8) Amänät 189 f.