Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 13.1895
- Date
- 1895-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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eine grössere Bedeutung besitzen, als man ihnen gewöhnlich beilegt. Der Einfluss der griechischen Philosophie, besonders aber derjenige des Aristoteles, ist in den Systemen der Mu'taziliten ein geringer, trotzdem, dass es mu'tazilitische Schriften giebt, welche,auf eine eingehende Beschäftigung mit den Schriften des Aristoteles schliessen lassen. Die systematischen Darstellungen des mu'tazilitischen Kaläms zeigen uns, dass wir es mit einer ganz eigenartigen Weltanschauung zu thun haben1), welche aber von ihrer Eigenartigkeit unter dem Einflüsse der Griechen immer mehr einbüsst. Es dürfte also die Untersuchung der Spuren dieser Weltanschauung in der jüdischen Literatur und der Veränderungen, welche einzelne Ideen griechischer Philosophen bei muhammedanischen und jüdischen Mutakallimün durchgemacht haben, auch für die Geschichte der Philosophie von einigem Interesse sein. Im Folgenden soll nun gezeigt werden, in welcher Weise der Kaläm auf seinen verschiedenen Entwickelungsstufen das jüdische religiöse Denken beeinflusst hat, welche Gedankenelemente und Termini ihm entlehnt worden sind und wie sein Einfluss auf die rabbanitische Literatur von Maimonides endgiltig beseitigt wurde. Wir werden in der Behandlung der einzelnen Schriftsteller nur der chronologischen Reihe folgen, da die Karäer und Rabbaniten einander gegenseitig beeinflusst haben. Einerseits, um den Umfang der Abhandlung nicht allzugross werden zu lassen, andererseits aber aus inneren Gründen ist die Darstellung des Inhaltes mancher karäischer Kalämwerke aus dieser Arbeit ausgeschlossen worden. Die Schriften Josef al-Basir's und Josef al-Kirkissäni's mussten übergangen werden, weil die letzteren mir gegenwärtig unzugänglich sind und die ersteren von P. F. Frankl schon behandelt wurden. Ebenso musste ich liier von einer Behandlung des viele mu'tazilitische Kalämelemente enthaltenden Werkes des Jeschu'a b. Jehuda, des Buches Bereschith rabbä absehen. Dass ich die Untersuchung des Einflusses von al-Gazali auf die jüdische Literatur ausgeschlossen habe, wird jeder Kenner begreiflich finden. In den folgenden Untersuchungen war ich immer bestrebt die Kalämelemente, wo die Quelle nicht eben eine jüdische war, bei älteren muhammedanischen .Schriftstellern nachzuweisen2). Nur wenn dies nicht möglich gewesen ist, habe ich spätere Kalämwerke angeführt, wobei immer die dogmatische Stellung und die Zeit desselben in der Untersuchung berücksichtigt wurde. Ich hielt es eben für nöthig, vor Augen zu halten, dass der Kaläm eine grosse Literatur hatte, in welcher verschiedene Strömungen und auch individuelle Anschauungen zur Geltung gelangten. Die Verwandtschaft zwischen den Anschauungen des Sa'adja, des Begründers einer systematischen Bearbeitung der jüdischen religiösen Ideen, und zwischen denjenigen der MuHaziliten ist schon vielfach hervorgehoben worden8). Schon Maimonides hat auf die Abhängigkeit mancher Gaonen und karäischer Schriftsteller von der muhammedanischen Kalärnliteratur hingewiesen, aber er schreibt diese dem Zufall zu. Es scheint jedoch, dass der Grund der Anziehungskraft, welche mu'tazilitische Ansichten auf jüdische Denker ausgeübt haben, tiefer, in den Ursprüngen des l'tizäl, zu suchen ist. Maimonides hat die Anschauungen der Mutakallimün auf christliche Einflüsse zurückgeführt und seine Anschauung 1) Die ältesten Kalämwerke, welche uns zugänglich geworden sind, bestätigen die Ansicht Renans, Averrogs et TAveiToisme3 S. 101, dass der Kaläm das eigentümlichste philosophische Product des muhammedam'schen Geistes sei. 2) Bei der Angahe der Quellen gebrauchte ich folgende Abkürzungen: Milal bezeichnet Ibn Hazm's Kitäb al-milal wa-l-nihal, Hs. der Leidener Univ. Bibliothek, cod. "Warner 480. Fark: 'Abd al-Kähir al-Bagdädi's Kitäb al-fark bejn al-firak, Hs. der kön. BibL zu Berlin, Abiwardt Nr. 2800. Maginü': Abu Muhammed Ibn Mattawejhi's AI magmü' min al-muhit bi-l-taklif, Auszug aus dem Werke „AJ-muhit" des 'Abd al-Gabbär al-Mu'tazili, cod. Glaser 52, Ahlwardt IV 5149. Masä'il, Abu Rasld al-NMbüri's Kitäb al-masä'il wa-l-chiläf bejn al-Basrijjin ■wa-l-Bagdädijjin, cod. Glaser 12, Ahlwardt IV 5125. Irgäd, Al-Guwejni Imäm al-Haramjn, Kitäb al-irsM fi usül al-itikäd- Hs. der Leid. Univ. BibL cod. Golius 146. Nihäjat: al-Sarastäni's Nihäjat al-ikdäm fi 'ihn al-kaläm, Ahlwardt II Nr. 1729. Bs gereicht mir zur besonderen Freude, den Verwaltungen der kön. Bibliothek zu Berlin und der Univ. Bibliothek in Leiden, welche die Benutzung dieser Handschriften mir gütigst ermöglicht haben, an dieser Stelle meinen besten Dank aussprechen zu können. 3) S. Guttmann, die Religionsphilosophie des Sa'adja b. Josef al-Fajjfimi, S. 15 und an den weiter unten anzuführenden Stellen. Kaufmann, Geschichte der Attributenlehre, S. 3, 31, 33.