Mannheim
Compact Memory

Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1895-01-01 · 13.1895 · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
13.1895
Date
1895-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2273546-2273571--0453-2274221
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Kaläm in der jüdischen Literatur. Mit dem Aufblühen der theologischen und philosophischen Speculation in den Ländern des Islams sind nacheinander die verschiedenen Richtungen derselben auch im Judenthume zur Geltung gelangt. Bald ist es die muhammedanische Dogmatik, bald die Philosophie der muhammedanischen Neuplatoniker und Aristoteliker, welche die Juden in der systematischen Bearbeitung ihrer religiösen Ideen beeinflusste. In erster Reihe ist es der Kaläm, der den ältesten religiösen Denkern des Judenthums im Mittelalter die Richtung giebt und dessen Literatur von denselben berücksichtigt wird. Die Vertreter der theologischen Speculation im Judenthume werden wohl aus dem Grunde der muhammedanischen Literatur gegenüber einen anderen Standpunkt eingenommen haben, als die alten Tannaiten gegenüber der Griechischen, weil die Verwandtschaft der Hauptlehren des Isläms mit dem Judenthume augenfällig war und weil sie von dieser Seite keine solche Gefahren zu befürchten hatten, wie vom griechischen Heidenthume. Und so sehen wir, dass zur Zeit der Gaonen die Methode, die Terminologie und einzelne Gedanken der muhammedanischen Dogmatik in die jüdische Literatur immer mehr eindringen, bis sie durch den Einfluss des Neuplatonismus und der muhammedanischen und jüdischen Aristoteliker verdrängt werden. Die Untersuchung des Einflusses des Kaläms auf die jüdische Literatur schien mir aus mehreren Gesichtspunkten von Interesse zu sein. Wenn die Vertreter einer Gemeinschaft, deren religiöses Bewusstsein durch ein umfangreiches Schriftthum bestimmt wird, mit neuen Gedanken fremden Ursprungs sich auseinandersetzen, so wird es immer characteristisch sein, was ohne Bedenken aufgenommen und was zurückgewiesen wird. Deshalb scheint die Erkenntniss dessen, welcher Art der Einfluss des Kaläms auf das Judenthum war, für die Kenntniss des jüdischen religiösen Bewusstseins von Bedeutung zu sein und wir werden die Thatsache würdigen müssen, dass während die mu'tazilitische Bewegung Jahrhunderte hindurch auf das Judenthum eingewirkt hat, dasselbe gegenüber der Lehre der As'ariten, trotz ihrer Herrschaft in der muhammedanischen Welt, sich ablehnend verhielt. Auch der Umstand wird zu beachten sein, dass während die Lehren der Mu'taziliten bei den Rabbaniten häufig stark modificirt und beispielsweise bei Saadja gleichsam in seine Darstellung hineingewoben erscheinen, sie in den karäischen Schriftstellern vielleicht allzutreue Anhänger gefunden haben. Die Eigenart des religiösen Bewusstseins hatte eben bei den Rabbaniten eine starke Stütze in der talmudisch-midraschischen Literatur, welche von den Karäern entbehrt werden musste. Die Geschichte des Kaläms im Judenthume zeigt aber auch Momente des jüdischen Geisteslebens im Mittelalter, welche von allgemeinerem Interesse sind. Sie zeigt, wie die grosse Bewegung der Mu'taziliten, neben welcher nach dem Urtheile Houtsma's „die Kämpfe des Origenes und Arius gegen das orthodoxe Dogma ein Kinderspiel sind", die Juden in ihre Kreise hineingezogen hat, wie die Probleme, welche das religiöse Denken im Isläm zu lösen versucht hat, von hervorragenden Vertretern des Judenthums behandelt worden sind. Bei einer Untersuchung der uns jetzt zugänglichen mu'tazilitischen Kaläm werke gewinnt man den Eindruck, dass diese für die Geschichte der Philosophie, insbesondere für die Geschichte der Ethik, l

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.