Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 12.1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
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— 54 - Aus Dresden. An L. Pollak in Prag. 13. Sept. 35. Dank. Dass er nicht nöthig habe auszupacken. Ich bringe kein Dienstmädchen mit, werde den 14. in Teplitz sein, den lfi. früh abreisen und gegen 7 Uhr Abends in Prag eintreffen. Zunz hatte Berlin mit schwerem Herzen verlassen; er hatte noch bis zuletzt gehofft, dass die Gemeinde ihn auf irgend eine "Weise festzuhalten suchen werde, und am 24. Aug. klagte er in einem Briefe an Inspector Ehrenberg, dass die Berliner ihn ziehen liessen. Aber obgleich er so schon ohne jedwede Illusion die Prager Stelle angetreten hatte, so machten doch die trostlosen Verhältnisse in der Gemeinde und die Enge des gesellschaftlichen und öffentlichen Lebens, einen überaus erkältenden Eindruck auf seine dem Idealen stets zugewandte Seele. Zudem war er als Prediger vorläufig noch gar nicht beschäftigt, weil der Umbau der Synagoge noch nicht vollendet war1), und die Zukunft seiner Stellung konnte ihm auch nicht verheissungsvoll erscheinen bei dem kühlen Interesse, das ihm überall begegnete. "Wohl hatten sich nicht wenige Familien, die von der edlen Geartung des Zunz'schen Paares angezogen und dauernd festgehalten wurden, mit ihm und seiner Frau angefreundet, aber dieser engere Kreis hatte keinen genügenden Einfiuss, um die träge Masse in Bewegung zu setzen, und Z. wiederum war nicht der Mann, um die Besserung der Verhältnisse geduldig abzuwarten. I)azu kam, wie gesagt, die Gedrücktheit der politischen Verhältnisse2) und der Mangel an allem, was man öffentliches Leben nennt. An L. Philippsborn in Berlin, dessen Oheim, Geheimrat Ph. er um Empfehlungen an Prager bessere christliche Familien ersucht hatte, schreibt er am 21. October: „Geselligkeit und Geist beschäftigende Unterhaltung werden hier wenig kultiviert." Aus einem Briefe an Steinheim in Altona vom 25. October hat er Folgendes notiert: „Ich möchte hier fort. Mangel an "Wissenschaft, Menschen, Bücher Zeitungen und Freiheit." Auch an Dr. Isler in Hamburg schreibt er schon unter demselben Datum: dass es ihm in Prag nicht gefalle. So reifte in ihm allmählich der Entschluss, nach Berlin zurückzukehren, und schon am 6. Nov. wandte er sich an En der lein mit folgendem, hn Auszuge erhaltenen Briefe: An En der lein in Berlin. 6. Nov. 35. 50 Tage bin ich hier, und mir kommt es vor, als sei ich hier eben so viele Jahre, so alt, abgestanden und gleichgültig erscheint mir alles; nur meine Freunde und Verhältnisse in Berlin, meine heitere Unabhängigkeit, wenn gleich je zuweilen mit Sorge getrübt etc. etc. . . . selbst wenn ich predige, ist's die Menschheit, nicht P. was mich begeistert. — Eingedenk Ihrer Abschiedsworte, dass ich Ihnen schreiben dürfe, wenn ich etwas ausgerichtet haben möchte, komme ich jetzt an. — Es soll vorläufig geheim bleiben. Mein Vorsatz ist Rückkehr, hierzu nöthig a) Befugniss und b) Subsistenz. — ad a) Seit 8. Juni 1821 bin ich preussischer Staatsbürger, dieser Besitz unveräusserlich. — Hier nur Privat-Engagement bei Verein von Privaten auf 3 Jahre, ich kann halbjährlich kündigen. Ich höre nicht auf, ein fremder Jude zu sein, wenn auch die Regierung mein Bleiben und meine Stellung genehmigt. Also ist meine Abwesenheit von Berlin eine einstweilige und meine Abwesenheit eine Reise in die Fremde. Schon M. in Berlin hat geäussert, dass mein Bürgerrecht unangetastet bleibt. Dr. lloff- J) Seine ganze Thätigkeit als Vereins-Beamter beschränkte sich auf die Erörterung und Ausarbeitung des Entwurfes für die neue Synagogenordnung, (die übrigens nach der Anstellung des Dr. Sachs wieder abgeändert wurde), worauf 10 Sitzungen in der Zeit vom 1. Nov. bis 20. Jan. 1836 verwendet wurden. Ausserdem hat er in Prag im Ganzen nur viermal gepredigt.. 2) In seinem Tagebuche findet sich die Abschrift folgender Erklärung, die er dem Prager Censor übergeben niusstc: „Der Unterzeichnete erklärt hiermit, dass er die in drei Kisten enthaltenen, von Berlin als sein Eigenthum hierher gebrachten hebräischen Bücher blos zu seinem eigenen Gebrauche verwenden, insbesondere aber nachstehende, als: — nntn icd — tihoh jvmö — ^aim — njw jhmws — mw »a» weder verleihen, noch hierorts verkaufen, noch aus Händen geben werde." Prag, 21. October 1835. L. Zunz, Dr.