Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 12.1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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— 2G — noch ein wenig gedulden. Zwingen lässt sich nichts ... "vi n>K»n DN pfflin Sr« Das Schreiben fällt mir jetzt beschwerlich; darum schlicssc ich mit der Bitte, die Copie mir' gefälligst aufzubewahren, weil ich weiter keine habe, und mir auchk einen Voraufsatz machen kann; dazu bin ich viel zu ungeduldig. — Leben Sie wohl! Herzlich gegrüsst von Ihrem ganz ergebensten J. Johlson. Copie. An H. Ministerialrath v. Knder. Hochwohlgeboren. Ew. meine persönl. Aufwartung zu machen, ist in Wahrheit längst schon mein sehnlichster Wunsch, an dessen Erfüllung aber mich, leider! bei meinem geschwächten Gesundheitszustande, die jetzige Jahreszeit verhindert, die mich zu wochenlangem Hausarrest verdammt, und mir sogar das Schreiben sehr erschweret. Wie herzlich gerne möchte ich viva voce mit Ihnen, dem Manne von Herzen, Geist n. Wahrheit, mich über so manche Dinge besprechen, die — wie Sie selbst sehr wahr und richtig bemerkten — sich schriftlich nicht wohl abthun lassen. Indessen scheint es mir doch nothwcndig, im Vertrauen auf Ihre Güte u. Nachsicht einige Punkte — wenn auch nur flüchtig — zu erörtern, die Ihnen vielleicht in einem andern Lichte dargestellt worden. Das Ansinnen des isr. Gem. Vorstands an H. Dr. Zunz: eine vorgängige Reise nach D. zu unternehmen und dort Probe-Predigten zu halten, hat dieser aus Gründen, die mir triftig scheinen, abgelehnt; und ich mnss gestehen, dass mir das an ihm sehr wohlgefällt. Ja, noch mehr! ich hätte — zur Rettung des Prinzips — nicht einmal in die erste Bedingung eingewilligt, die sogenannte Ordination betreffend (eigentlich die Bestätigung eines Rabbiners — die doch spottwohlfeilen Preises dutzendweise zu haben ist), da diese dem Judenthum ganz fremd ist, und vielmehr die einzig gültige Vollmacht zum Rabbinat nur von der betreffenden Gemeinde ausgehen kann. Jeder Wahn und Irrthum ist verderblich; und das Judenthum leidet schon allzu sehr an solchen elenden Folgen der Unwissenheit, als dass nicht jeder Wahrheitsfreund sich verpflichtet fühlen sollte, sich denselben aus vollen Kräften zu widersetzen. — Besonders ist mir jede blinde Nachäffung — in der Seele verhasst. Duo qui faciunt idem, non est idem. Ein Rabbiner ist weder Priester noch Seelsorger, noch Sacramentarius, der als solcher einer eigenen Weihe zur Emanation des h. Geistes bedürfte. Alle diese Ausflüsse der Hierarchie sammt Schlüsselamt, Beichte etc. etc. lassen wir unbeneidet und ungeschmälert unsern Brüdern, den Bürgern des Himmelreichs, und begnügen uns, Menschen und gute Weltbürger zu werden. — Wenn christl. Geistliche Probepredigten ablegen: so haben sie auch tüchtige Beurtheiler, die Scheiu von Wirklichkeit zu unterscheiden, und die Leistungen nach ihrem wahren Werthe zu würdigen wissen. Aber wie steht's damit unter den Juden — die in der Regel kaum urtheilsfähig (wenn sie geglänzte Stiefel tragen, ergo: gebildet — eingebildet) sind? Wahrlieh! einem solchen auditorio ziehe ich jede christl. Dorfgemeinde vor, bei der ich doch immer noch unverdorbenen gesunden Menschenverstand genug finde, während jene von elenden Nebendingen und zufälligen Kleinigkeiten sich bestimmen lassen und überall nur nach Launen, blinden Trieben und flüchtigen Einfallen entscheiden; so dass wir uns oft nach der gehaltreichsten Rede an Sprüche Salom. 23, 8. 9. erinnern müssen. — Mit peinlicher Langweile habe ich schon öfters das unerträgliche leere Gewäsche anhören müssen, das von unserm Publikum mit Enthusiasmus aufgenommen und als non plus ultra von Musterpredigt ausposaunt wurde. — Voriges Jahr Hessen sich zu Hanau 6 Bewerber um die noch jetzt erledigte Rabbinatsstclle als jüd. Kanzelredner vernehmen, Texte, Themata und meist auch die Disposition hatte ich dazu eingesandt; ich weiss aber, und Sie werden auch leicht errathen, wer am meisten Beifall eingeärndtet. — Die dortigen Herren wundern sich nicht wenig, dass ich als ehrlicher Mann, gerade den nur empfehlen kann, für den sie am wenigsten gestimmt. — 20 Mal des Jahres habe ich hier zu predigen. Dies hat sich die Gemeinde ausbedungen, als ich vor 3 Jahren mein Schulamt niederlegte, und ich unterzog mich diesem um so williger, da ich selbst dieses Institut 1814 ins Leben gerufen und seitdem stets unentgeltlich darin gearbeitet; aber, wahrlich! ganz unfähig würde ich seyn, die Kanzel zu besteigen, wenn nicht Horazens Wort: „Non ego ventosac plebis suffragia venor" stets mein Wahlspruch wäre. — Der jüd. Gem.-Vorstand zu Hanau hatte gleich anfangs in einer öffentl. Aufforderung nicht die Doktor-Würde, die doch so leicht und billigen Kaufes zu haben ist, sondern —.die Haltung einer Probe-Predigt zur Bedingung gemacht. Auch meldeten sich dazu nur Jünglinge von 22—26 Jahren. Wäre man zu Darmstadt mit gleicher Offenheit zu Werke gegangen; so würde weder II. Dr. Zunz sich gemeldet, noch ich ihn dazu aufgefordert haben. — Mussten denn etwa der Nicht-Do ctor Bernays aus Mainz und der H.Dr. Wolff aus Darmst. jener zu Hamburg (mit 4500 F. fixe Besoldung) und dieser zu Koppenhagcn, auch erst Probepredigt halten? — Beide hatten nicht einmal einen literarischen Ruf; denn Wolfs zusammengeschmiertes Habakuk und sein sogenannter Katechismus sind doch wahrlich unter aller Kritik. — Und ist denn das Predigen Alles? — „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht; so wär1 ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle-' (Korinth. 13, 1). Eines ehrlichen, redlich gesinnten Gelehrten bedürfen wir, der sich ohne Heuchelei der guten Sache widmet und aus reiner Liebe — des, ach! so tief gesunkenen Volkes sich erbarmet und ihm kräftigst aufzuhelfen sucht. Und wo finden sich Viele solcher treuen Arbeiter für den Weinberg des Herrn, dass wir eine Auswahl unter ihnen treffen mögen? — Ja, Schwätzer, Heuchler und Pharisäer