Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 12.1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dass ich nun meine Reise nach Hamburg aufgeben muss und meine wackeren Freunde dort, auch Sie, hochgeehrtester Herr! fürs erste nicht wiedersehen werde, ist ein Opfer, das die Treue an Grundsätzen bei jeder solchen Handlung zu heischen pflegt. Die Eriunerung der Freunde und mein Trost, durch gegenwärtigen Schritt in Ihrer Achtung nichts zu verlieren, beruhigt und erheitert Ihrer lieben Frau Gemahlin bitte ich Euer Wohlgeboren mich gehorsamst zu empfehlen. achtungsvoll verehrenden Berlin, 28. Juli 1818. L. Zunz. So blieb denn Z. in Berlin und hörte weiter Collegia; die Subsistenzmittel aber erwarb er sich durch Erteilung von Privatunterricht in deutscher und lateinischer Sprache und in Mathemathik1). Inzwischen wuchs sein Ansehen in der Gemeinde immer mehr; seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine hervorragende Beteiligung an dem von Gans angeregten und in der Wohnung von J. A. List gegründeten „Verein für Cultur und AVissenschaft der Juden" gewannen ihm die Hochschätzung aller Urteilsfähigen. Als daher die Synagogengemeinde in Königsberg 1820 zur Reorganisation der dortigen Schule einen modernen Religionslehrer anstellen Avollte, lenkte Baruch Lindau2) in Berlin die Aufmerksamkeit seines Freundes Beer in Königsberg auf den jungen Z. als die geeignetste Kraft für die projektierte Stelle; er veranlassste Z., ihm seine Ansichten über den jüdischen Religionsunterricht in einem Elaborate zu unterbreiten, das er sodann nach Königsberg sandte, und nachdem er ihm in solcher Weise den Weg geebnet hatte, ersuchte er ihn, sich um die Stelle zu bewerben. Es kam zwar auch diesmal zu keiner Anstellung3), aber es verlohnt sich die Schriftstücke über diese Angelegenheit, so weit sie noch vorhanden sind, anzusehen, einmal um die Ansichten Z.' über den jüdischen Religionsunterricht kennen zu lernen, sodann, um in die damaligen Verhältnisse der Synagogengemeinde in Königsberg einen, wenn auch nur flüchtigen Einblick zu gewinnen. Es sind drei Stücke, wovon zwei die Entwürfe der Briefe sind, die Z. an Lindau bez. an Beer geschrieben, während das dritte die Abschrift eines Briefes ist, den Lindau von Beer erhalten und den er wahrscheinlich Z. zur Kenntnisnahme überreicht hat. Die Briefe Lindau's an Beer konnte ich nicht auftreiben, aber ihr Inhalt kann aus den nachfolgenden Stücken ungefähr erschlossen werden: An B. Lindau, 17. März 1820, Berlin. Ueb. d. Religionsunterricht, (nach Königsberg gesandt) 18. März, mit mehreren Abänderungen. Hochgeehrtester Herr! Sie haben mir eröffnet, dass an mehreren Orten jetzt die Nothwendigkeit eingesehen werde, den jüdischen Kindern Religionsunterricht zu ertheilen, und mich aufgefordert, meine Ansichten über diesen Gegenstand Ihnen mitzutheilcn. Erlauben Sie mir als*, dass ich Ihrem Urtheil Folgendes unterwerfe. Die Religion, wie sie unterrichtet werden sollte, ist die Grundlage alles Unterrichts — alles veredelten Denkens und Handelns — die Mutter dor Scelengrösse, und die Führerin über das Grab hinweg. Bis jetzt ist sie unter den Juden von zwei Feinden gemisshandelt worden, a) vom Aberglauben, der uns di Frömmler, die Müssiggänger, die Unwissenden erzog, b) von der Vernünftelei, die uns die Heuchler, Egoisten, Abtrünnigen und Irreligiösen bildete. Der lautere Unterricht in Religion giebt den Kindern nichts trocken historisches, nichts unsinnig wunderbares, nichts christlich feindseliges — wie überall die Schullehrer dieses Glaubens den Knaben den Judenhass mit der Muttermilch einimpfen —; or besteht nicht in elender Auswendiglernerei von Sprüchen, oder in wissenschaftlicher Begründung mystischen Aberglaubens, sondern er sucht das Gemüth des Kindes durch eindringliche Worte und noch eindringenderes Beispiel für Religion zu erwärmen, ihnen eine Stütze zu geben für die Stürme des Lebens, die sanften Tugenden der Liebe in ihr Herz zu pflanzen und sie des Glückes theilhaftig zu machen, das der Verehrer einer göttlichen Vorsehung geniesst. *) Dienstag, den 27. Okt. 1818 stand im 129sten Stück der Königl. privilegierten Berlinischen Zeitung folgendes „Dienst- und Beschäftigungsgesuch-, das Z. ausgeschnitten und in sein Tagebuch eingeklebt kat: „Unterzeichneter empfiehlt einen sehr geübten Lehrer in der deutschen und lateinischen Sprache und in der Mathematik (Arithmetik, Algebra, Geometrie, Trigonometrie). J.M.Jost, Schulvorsteher, Spandauer-Str. No. 51.* 2) Verfasser des cniöS rrTMn. — 3J Francolm erhielt die Stelle.