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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1893-01-01 · 11.1893 · page 5

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
11.1893
Date
1893-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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IRI
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setzten ein sein* kundiges Publikum voraus, das die Midraschliteratur kannte und mit allen agadischen Deutungen und Anspielungen vertraut war. Sollten diese Poesien sieh in einer Gemeinde, welche nicht aus solchen Elementen bestand, nützlich erweisen, so mochten sie nur dazu gebraucht werden, dem Volke als eine Unterlage der Belehrung und der Unterweisung in der midraschischen Welt zu dienen, indem der niedergeschriebene Piut selbst vor oder an dem Feste und Sabhathe, dem er sich ansehloss, erklärt wurde. Hieraus mögen sich vielleicht die früh schon erscheinenden Commentarien zu den poetischen Schaltgeheten entwickelt haben, zu deren Abfassung auch ihre schwere Sprache und die oft nur in kurzen Strichen gegebenen Andeutungen einluden. Auch Kalonymus hat in seinen poetanischen Ausführungen noch vielfach die Agadasätze angewendet und eingestreut, In Meschullams Dichtungen werden die Anschauungen und Deutungen des Midrasch selten benutzt-1). Seine Stücke sind im Ganzen populärer gehalten. Auch sonst entsprechen sie in höherer Weise den Aufgaben eines Krischen Gedichtes.' Kr wählte aus den ihm vorliegenden Kallirschen Mustern die lyrisch gewaltigsten und besten und schuf in ihrem Geiste neue Dichtungen. Kallir liebt es, worauf schon Zunz hinweist, einen Gedanken, der aus dem zu behandelnden Thema heraustritt, festzuhalten, ihn vielfältig und bis zu seinem Gipfel- und Endpunkte zu verfolgen und zu variieren. Spricht er von der Gottesregierung, so gestaltet er diesen Gedanken aus, wendet ihn nach allen Seiten an und sucht alle Schriftstellen und agadischen Deutungen für dieses Motiv auf. So schildert er, wenn er um Thau und liegen betet, die Wohlthatcn und die Folgen des Segens, der die Erde befruchtet, bespricht die Bedeutung desselben als eines in der Schrift und in dem Mulrasch vielfach gebrauchten Bildes. Gibt er Bericht von dem Hasse Hainaus, so weiss er von den Feinden Israels so viel zu erzählen und den Gegensatz des alten, weitbeherrschenden Rom gegen das schüchterne. Israel mit grosser Kraft darzustellen und den Leiden der Juden in ergreifenden, fortlaufenden, weifen Schilderungen Ausdruck zu geben"*). In Meschullams Poesien macht diese weitausgeführte, wir mochten sagen, epische Darstellung, einer gewissen Abwechslung, einer lyrischen Kürze Platz. Meschulam benutzte die Motive Kalirs, welche dieser grosse Dichter einze(n in den verschiedenen Dichtungen anwendete, und vereinigte sie in der Ausführung seiner Stücke2*). Auch sonst kommt, bei aller Kraft und bei dein grossen Schwünge, welcher der kalirsehen Dichtung innewohnt, Meschullams Art der einfachen, reinen Lyrik näher. Er spricht öfter, wärmer und in reicherem Masse sein eingenes- Empfinden und das Gefühl seines Herzens aus*7)- Inmitten der allgemeinen Schilderungen, Darstellungen und Gebetformen lässt er die sprechenden Personen viel öfter, als dies bei Iva Ii r geschieht, wechseln; wir hören vielverschiedene Töne rauschen, die alle seine eigene Brust durchziehen,H). Es liegt uns ein solches, bisher nicht im Druck erschienenes Gedieht, die Einleitung zu der Schilderung des Versr>hnungstagsgottesdienstes(Abodn)im Tempel zu Jerusalem, vor, welches Meschullam angehört. In den kurzen Versen desselben kommen ebenfalls die wechselnden Gefühle und Gedanken des frommen Vorbeters und Dichters zum Ausdruck*'). Eanden die Gedichte Meschullams allgemeine Anerkennung, erfreuten sich seine Poesien der Volksgunst in dem Masse, dass.sic in der deutsch-lothringischen, wie in der römischen Gebetordnung aufgenommen wurden, so standen die Reste seiner halachis«heu Thätigkeit in nicht geringerem Ansehen bei den Gelehrten der folgenden Zeit. Wie ihn sein Zeitgenosse R Gersom als einen hervorragenden Weisen kennzeichnet, so werden seine Decisionen von den Lehrern der spätem Zeit neben denen der Geonen als massgebend angeführt. Oft spricht auch Salomo b. Isae für seine Ansicht2"). Nur Responsen haben sich von ihm erhalten. Zwei derselben haben die Erklärung einer schwierigen Stelle zum Inhalte11). Die anderen behandeln praktisch vorgelegte Fälle. Diese sind zum Theile nicht an Partheien, sondern* an Gemeinden gerichtet. Damals bildete, wie diese Erscheinung auch aus deu Briefen des eontemporären R. Gersora ersichtlich ist, die Gemeinde den Mittelpunkt alles socialen und religiösen Lebens der Juden. Sie ist mit grosser Machtfülle bekleidot. Das tritt in Lothringen noch bezeichnender als in den Gemeinden des maurischen Spaniens hervor52)- D'c gesetzeskundigen Meister entscheiden erst da, wo ein Zweifel, ein fragwürdiger Fall vorliegt. Die EinrichtungVn und Festsetzungen, die Aufrechthaltung der Gesittung, die Bestimmungen über die Mittel, welche die Einheit der Genossenschaft sichern, fallen in den Machtkreis der Gemeinden. Die Vorkommnisse, welche die Briefe aus jenen Zeiten mittheilen, geben ein klares Lebensbild der jüdischen Genossenschaften, welche sich durch die

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