Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 9.1891
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2273546-2273563--0310-2274074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 9 — 2. dieselbe ward ergänzt durch eine blofs in find liehe Ueberlieferung der voealisehen Aussprache von Geschlecht zu Geschlecht, von den Lehrern zu den Schillern. Sie heifst im Talmud jnpe. 3. Seit dem 6. Jh. etwa ling man an, auch die N^pe, die Tradition der Voeale, die gesummte Prosodie durch allerlei Zeichen in den Consonanten-Text zu schreiben. Aufserdem aber verzeichnete man zur treuen Bewahrung der Coiisonanten und Vocale alle bemerkenswerten Eigentümlichkeiten und auch die für die Vorlesung der Bibel beim Gottesdienst zur Pllicht gemachten Abweichungen von den Handschriften. Diese letzteren Unterschiede zwischen dem überlieferten Coiisonanten -Text und der öffentlichen Lesung (dem Kfttb und Qr/v;)3), nebst vielen sonstigen Notizen den Text betreffend, wurden besonders gesammelt oder auch dem Text am Hände beigefugt. Diese Xotizen aus der nachtalmudischen Zeit heifsen in engerem Sinne rrüC, und die Männer, denen wir dieselbe verdanken, heifsen Mafsfsoreten. Diesen Männern dürfen wir durchaus kein philologisches Bewusstsein zuschreiben. Sie haben blofs dafür Sorge getragen, dass uns die Coiisonanten des Bibeltextes und die Lesung dieses Textes, wie sie für die öffentlichen Zwecke des Gottesdienstes feststund, treu erhalten bliebe. Sie haben blofs Zeichen für das bisher unbezeichnet Geltende geschaffen. Allerdings haben sie auch Namen für diese Zeichen geschaffen, wenn nicht entlehnt; aber darin wird man kein wissenschaftliches, sei es grammatisches, sei es musikalisches Bewusstsein erkennen. Wir können also au die Mafsfsoreten gar nicht die Frage richten, wie sie sich, zu den Manuskripten mit deren verschiedenen Lesarten gestellt haben mögen; ob sie für ihr QvrS handschriftliche Gewähr hatten. Sie hatten gar nicht den Gedanken, den überlieferten Text zu corrigiren; dieser galt ihnen als unantastbar und unverbesserlich. Indessen, da neben der Mafsfsora im alten Sinne die Miqra bestand, die als eben so unantastbar und unverbesserlich galt, so erschien ihnen als ihre Aufgabe nur die: Schreibung und Lesung, jedes für sich, zu sichern'). Diese ihre Aufgabe haben sie sehr gut, so gut wie möglich, gelöst. Der heutige Philologe kann nun allerdings fragen, welchen maßgebenden Wert das Krttb und das Qcre für uns beanspruchen kann; welche Vorkehrungen waren denn für die Corrcctheit der Handschriften und für die Erhaltung der richtigen Aussprache getroffen, und wie weit gehen diese Vorkehrungen zurück? Auf letztere Frage können wir mit Bestimmtheit kaum antworten: bis ins zweite Jahrhundert ante Chr. Synagogen gab es längst in und aufser Palästina, und den Mittelpunkt des Gottesdienstes Jjildete die Vorlesung aus der heiligen Schrift. Wo das Volk kein hebräisch mehr verstand, ward der hebräische Text mit einer Uebersetzung begleitet. Aber sowol der Vorleser, qör<\ wie der Uebersetzer, JiUtur/je/irm, mögen mit dem Text ziemlich willkürlich umgegangen sein. Dies ward jedoch endlich sehr unlieb bemerkt, und es stellte sich nun allerdings die gröfste Sorgfalt ein für die Bewahrung, zunächst aber doch Gewinnung des richtigen Textes und selbst Festhaltung einer traditionellen chaldäischen Uebersetzung.5) Diese Bemühungen beginnen jedoch frühestens mit dem Ende des 1. Jh. post Chr. (Vergl. Geiger, Urschrift S. 159 ff*). Der „richtige" Bibel-Text niusste, wenn vorher eine grofse Sorglosigkeit geherrscht hatte, erst hergestellt werden; und wenn nun hergestellt, wie ward er dann bewahrt? Zwischen Aqiba und dem Anfang der mafsfsoretischen Aufzeichnungen lag doch so ziemlich ein halbes Jahrtausend! Worauf also gründet sich das mafsfsoretische Ketib und das mafsfsoretisehc Qere? Aus dem jerusalemischeu Talmud (Sanh. *2, 7) erfahren wir, dass im Tempel ein "SO bewahrt ward, das mindestens den Pentateuch enthielt. Ob aber dieser Tempel-Codex (miy auch die anderen Bücher unserer Bibel enthielt, ist schon nicht ausgemacht, obwol immerhin wahr- 3) Gewöhnlich sagt man Q-ri: das wäre der Imperativ; l'<je. Richtiger aber ist (nach Luzzatto, Grammatik der chald. Sprache. Aus dem Italienischen von Dr. Krüger, S. i»2) Qi-re v»p „gelesen", entsprechend dem Kiixh ..geschrieben". *) Wir werden bald sehen, wie die obige Bemerkung doch nicht völlig zutrifft. 5) Auch die chaldäisehe Uebersetzung ward in tabnudischer Zeit nur mündlich gegeben, zuerst in Willkür, später in fester vorschriftlicher Ueberlieferung, und ward dann ebenfalls niedergeschrieben (D. Cassel, Lehrbuch der jüd. Gesch. u. Lit. § 4<>. Vergl. auch die Einleitungen in das Alte Testament). 2