Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 8.1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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— 4 — Es war schwer, in den vielumfassenden Büchern des Talmud die letzte Entscheidung für das frische, fluthende Leben zu finden und zu erkennen. Hier, wo sich die Meinungen mit Grund uud Gegengrund hart bekämpfen, wo die weit auseinandertretenden An>iehten in gleicher Reihenfolge verbucht erscheinen, wo die Ausführungen grosser Meister aus verschiedenen Jahrhunderten einander vielfach widersprechen, wo die Geistesarbeit eines alten Lehrhauses iu einem jüngeren oft eine Umwandlung erleidet, ist als sicher nur die Discussioii zu erfassen und hervorzuheben. Die Forschung nimmt da einen hohen Flug, die einmütige Bestimmung für das gesetzliche Leben ist nicht gefestiget und klargestellt. — l'nd doch schienen die Zeiten die Fixirung des Gesetzes jetzt ernst zu fordern. In den letzten Zeiten der neupersischen Könige hatten die in den Fuphratländern bestandenen jüdischen Gemeinden schwere Drangsale heimgesucht. .Eine grausame Tyrannei beugte und brach Schulen und Schulhäupter. Nach noch entfernteren Gegenden wanderten die aufgestörten und geängstigten Söhne Israels aus. In Asien und auch in Humpa traten um diese Zeit neue Gemeindeverbände zusammen. Iis nmsste wünschenswerth erscheinen, ihnen die Gesetzesbestimmungen, wie sie in ihrer Fntwickelung aus den grossen Schulen hervorgegangen waren, in klarem Ausdrucke zu überliefern. Man konnte sie nicht auf die weitläufigen Verhandlungen der Gemara verweisen. Das Jahrhundert der Trübsalc wurde durch einen Lichtblick der Freude erhellt. Der muhamedanische Eroberer gewann die reichen Ebenen des Huphratlandes. Die Geoiien in Sura und in Pumpadita pflanzten und pflegten wieder den alten Baum der Tora. Das Geschlecht, welches ihnen voranging, das sahüräische, hatte dem Texte des Talmud an manchen Stellen Decisionen angefügt und an das Ende vielverschlungener Ausführungen eine kurze Entscheidung vermerkt. Im (leiste dieser geringen Vorarbeiten wurde abermals der Versuch gemacht, die gesetzlichen Normen für die Fälle des Lebens zu sichern und die Pflichten des religiösen Wandels in volkstümlicher Art und in einfachen Aussprüchen darzustellen. Diesmal galt es nicht, den Schulen in einem Handbuche' Lehrsätze als Thesen zur weiteren Behandlung vorzulegen. Vielmehr sollte die religiöse Uebung sichergestellt, die gleichmässige Wahrung des Brauches und der Sitte ermöglicht, die Einheit im Glaubensleben gesichert werden. JehudaT Gaon, welcher um 7f>0 in Pumpadita waltete, schrieb'kurze, einfache Lehrsätze, welche den in der religiösen Praxis giltigen Vorschriften Ausdruck geben. Neben JehudaT wird zwar Simon Kahira genannt, welcher die ,.grossen Halachot'* schrieb. Das Zeitalter des Letzteren ist jedoch zweifelhaft2). Nicht nur vielfache Notizen späterer Lehrer verbürgen es, sondern auch gewisse Anzeichen in der Redaetion der grossen Ilalaehot selbst in ihren gesetzlichen Stücken wie in der Ausführung agadischer Sätze und Deutungen nach Art des jüngeren Midrasch lassen es ab wahrscheinlich erkennen, dass S. Kahira später gelebt habe und schon JehudaT benütze. In den grossen Ilalaehot, wie sie uns vorliegen, sind jedenfalls viele der Sätze JehudaTs aufgenommen. Das Verdienst, die kurzen Lehrsätze coneipiert und einem Bedürfnisse der Zeit entsprochen zu haben« bleibt in allen Fällen JehudaT gesichert. Ueber den Zweck und die Bestimmung der knappen Halachot ist in diesen selbst, wie uns ihre Reste vorliegen, keine Auskunft zu erlangen. Als man etwa 100 Jahre nach JehudaT dem Gaon Paltoi mittheilte, dass das Volk sich an die kurzen Lehrsätze halte und die Controversen des Talmuds nicht beachte, schrieb er, dieser Vorgang wäre verwerflich und dazu augethan, die Forschung des Gesetzes zu vernachlässigen. Die kurzen Halachot, meint er, wären nur für diejenigen abgefasst worden, welche die alte Literatur kennen und pflegen. Wenn diese einen Zweifel hegen und keinen Aufschluss finden, sollten sie diese bestimmenden Halachot studieren. Das Blatt eines Chronisten hingegen, welcher um die Mitte des II. Jahrhunderts in Asien schrieb, bezeichnet als den Zweck der Entseheidungssprüche JehudaTs, den Gläubigen einen Leitfaden für das wirkliche Leben zu geben, damit jene Israeliten, welche die talmudischen Bücher und Schriften nicht zu durchforschen vermögen, in zweifelhaften Fallen durch den Einblick in diese Festsetzungen eine Entscheidung treffen könnten.5) In dieser Nachricht wird auch bemerkt, dass JehudaT die kurzen Halachot in mehreren Reeensionen schrieb, und dass er auch der Verfasser von grossen Halachot sei. Hält man diese Meinung aufrecht — und in der That kommen auch grössere Halachot in den Citaten mancher Schriftsteller auf den Namen JehudaTs vor, — so müsste man glauben, es seien in dem Werke S. Kahiras Stücke sowohl aus den grossen, wie auch aus den kurzen