Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 8.1890
- Date
- 1890-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Handschriftliche, Jehudai Gaon zugewiesene Lehrsätze. Die erste umfassende Schrift, welche den Gesetzen des jüdisch-religiösen Lebens, wie diese nach ihrer Ausbildung im Volksthume und in den Gelehrtenschulen in die Erscheinung traten, in .sicheren Worten und in engen Hegeln Ausdruck gab, war die inhaltsreiche Mischna, die 1». Jetyuda der Fürst in den letzten Jahrzehnten des zweiten Jahrhunderts in Tiberias seiner Schule und den Lehrern vorlegte. Er hatte die Arbeiten bedeutender Meister eines früheren Geschlechtes benutzt und übergab dem weitereu Kreise der Gesetzeskundigen gleichsam ein zweites, das geistige Leben und das weltliche Walten bestimmendes Gesetz. Die Unsicherheit und Verschiedenheit der von vielen Lehrern mitgetheilten älteren Ueberlieferung, die Gefahren, von welchen die Glaubenskimde hei einer abermals, wie in lladrian's Tagen, eintretenden Ungunst der Zeiten bedroht werden konnte, der Hinblick auf die immer in weitere Gegenden hinziehenden, ihrem alten Heimathslande, dem Mittelpunkte der religiös;- Wissenschaft liehen Forschung entrückten Söhne Palästinas, sollen den Patriarchen bestimmt haben, die Mischna in einer Zeit anzulegen, in welcher auch römische Hechtslehrer Gesetzesbestimmungen und Hechtsregeln niederschrieben. Rabbis Unternehmung hatte Erfolg. Die Mischna blieb massgebend für das Glaubcnsleben und ersetzte zum Theile das mosaische Fünfbueh, indem sie fortan die Grundlage und den Stoff für alle Gelehrtenforschungen und Schulverhandlungen bildete. Neben der Gediegenheit der Anordnung, dem knappen, viel umschliessenden Ausdrucke, dem einfachen schlichten Ton, der sich mit einer seltenen Tiefe der Auffassung und mit einem grossen Hcichthum des Inhaltes verbindet, erwies sich für die allgemeine Anerkennung der Mischna wohl Auch der Umstand als bedeutsam, dass sie mitten im Schulleben stehen blieb und den Stil des Lehrhauses nicht fallen liess. Die Juden, des politischen Lebens beraubt, hatten sich mit aller Kraft des Geistes der Gesetzesforschung zugewendet. Das Volksthum blühte nur noch in den Lehrsälen. Neben dem einigenden Hauche des Bekenntnisses und der religiösen Uebung sollte sich ein zweites Hand um die weitzerslreuten Genossen des jüdischen Namens schlingen, die Gesetzesforschung, dieGese.tzeskunde, und als ein solches Hand aus dem edelsten, unverwüstlichen Metalle der Gedanken erwies und bewährte sich die Mischna. Diese nahm auch viele einfache Sätze auf, stellte bindende Vorschriften in klarem, schlichten Ausdrucke hin, hielt aber immer den Ton der Schule fest, indem sie Bemerkungen anfügte, der Meinung anderslehrender Meister Haum gab und sich den Character eines Textbuches für die Schulforschung wahrte.') Durch mehrere Jahrhunderte wurde in den babylonischen Schulen über den Text der Mischna gelesen und gelehrt. Weitläufigen Verhandlungen lag sie zu Grunde, die Lösung neuer Probleme wurde nach ihrem Inhalte versucht, weit ausgreifende Folgerungen wurden mit mehr als gewöhnlichem Scharfsinne aus ihrer Darstellung gezogen und entwickelt. Sie wurde nach allen ihren Seiten erläutert und erklärt, berichtigt und verbessert, über das gesetzliche Endergebniss entspann sich nicht selten harter Kampf der Schulgenossen. Und aus diesen Verhandlungen ging ein gewaltiges Geisteswerk hervor. Es erhob sich der weite Bau, der Talmud, und umschloss die feste Säule der Mischua. Das literarische Riesenwerk hat tausend Pforten und Gänge und Wege. Die Verhandlungen der verschiedensten Schulen, die Aussprüche der Lehrer aus den mannigfachsten Lebenskreisen, die Gedankenarbeit vieler Geschlechter sind in den zahlreichen Ausführungen der Protokolle niedergelegt, die um die Mitte des sechsten Jahrhunderts geschlossen wurden.