Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 7.1889
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 6)
- Language
- German
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— 7 — botreiben und hebend fördern. Sie umwandeln durch ihre Arbeit und ihren Fleiss schlechtes Land in blühende Besitztümer. Sie verwenden viel Mühe und grosse Kosten auf Neupflanzungen. Die Pareel- Hrung der »Stücke behufs Theilung unter Familienglieder, wie .sie bei ihnen in rebung ist, führt dem Landbau immer neue, sehaffenslustige Kräfte zu. Nicht oft begegnen wir Auswanderern. Diese ziehen über das Meer oder gehen, wenn sie im Lande des Oialifen vom Geschicke nicht begünstigt waren, in eines der christlichen Königreiche Spaniens, um dort in Handelsgeschäften ihr Glück zu versuchen. Wenn Gott ihr Vorhabt1« segnet, so werden sie heimkehren. Denn nicht nur die Heimath, nicht nur der herrliche Boden Andalusiens ruft und führt sie zurück. Auch das Leben der arabisch-jüdischen Gemeinde ist ein Band, welches ihr Gemüt eng«» mit den Brüdern eint. Hier tritt die Gemeinde bezeichnend hervor. Die Synagoge und das Lehrhaus hatten in geonaischen Tagen den Mittelpunkt des religiösen Lebens gebildet. Von der Gemeinde als solcher war nicht oft die liede. Die europäischen Response» lassen uns ein reges Gemeindeleben erkennen. Nicht nur in Cordoba flutet es gewaltig. Nicht nur da ist es die Gemeinde, welche den Lehrern Ehre und Achtung erweist Nach unseren Responsen ist an allen Orten die Gemeinde der Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Bei Bechtsbeweisen und Erkenntnissen ist oft und bedeutsam von «1er Gemeinde die Bede. r) An vielen Orten bestellt die Gemeinde den Notar, der alle in diesem Orte auszufertigenden Urkunden schreibt. Vorsteher und A eheste der Gemeinde bestimmen, ob ein Mann, von dem es sonst zweifelhaft ist, sich im vollen Besitze seiner Geistesgaben befindet. Gelegentlich eines Ehezerwürfnisses sprechen die Aehesten der Gemeinde und die Mitglieder des Gerichtshofes dem schuldigen Theile die Verwarnung aus. Ebenso tritt die Gemeinde hervor, wo es sich um schwankende liturgische Gebräuche handelt. Die Gemeinden haben fehlerlos geschriebene Torarollen anzuschaffen. Gemeinden der Halbinsel fragen an, ob sie sich an den von der babylonischen Akademie bestimmten Usus zu halten haben. Die l'ebung der spanischen Gemeinde wird aufrechterhalten, wenn sie auch nicht von jener Schule anerkannt ist. — Wie uns dies«; Response» in die erfrischende Regsamkeit der Gemeinde blicken lassen, so entfalten sie vor unserem Auge auch ein reines, an Innigkeit reiches Familienleben. In Treu«; hält; das 1 [aus zusammen, in welchem die zarteste Sitte waltet. Das Mädchen tritt nicht selbst aus demselben, um die Werthgabe entgegenzunehmen, nach deren Ueberreichung die Verlobung vollzogen erscheint. Es wird ihr das Zeichen, oft durch ihren Vater, zugesendet. Brüder begnügen sich nicht damit, ihrer Schwester die ihr gebührende Mitgift aus der Erblassenschaft des Vaters zu verabfolgen, sie weisen ihr vielmehr jenen Theil «1er liegenden Güter zu, der zu den Vorzüglichsten derselben gehört oder ihrem eigenen Guterantheile gleichkommt. Familienfeste werden feierlich begangen. Bei Hochzeiten wird der Ehevertrag öffentlich aufgelegt. Freund»; und Anverwandte, auch minderjährige, fertigen ihn. Aber es sind auch die Anordnungen der Lehrer und der Gemeinden, wie sie in diesen Briefen Ausdruck linden, dazu angethan, die Innigkeit und die reine Sitte des Hauses zu heben. Einer unfreundlichen Behandlung der Ehegattin wird ernst und mit Androhung strenger Strafmittel entgegengetreten. Löst ein Bräutigam das Ehegelöbniss vor der Hochzeit auf, so muss er der Braut ein hohes Poeuale erlegen. Die Verheiratbung junger, noch minorenner Mädchen wird nachdrücklich getadelt. — Für die Unterweisung der dugeifd ist durch Lehrer gesorgt, welche ihre Bezahlung monatlich erhalten, und, wohl nach der Stufe des Kindes, abgewechselt zu haben scheinen. Das Bild eines zum erstenmal in Europa sich entfaltenden (.'ulturlebeus jüdischer Genossenschaften und Häuser tritt in diesen .sachlichen rabbiuischeu Bescheiden vor uns. Das Schlechte wird abgestosscn und abgewiesen. Aber einlach und schlicht erscheinen uns diese Pflanzer, diese treuen Mütter, diese biedern Gattinnen, diese fürsorgenden Väter und Geschwister. Wo es gilt, die Bedeutung der Gemeinde in Cordoba hervortreten ,zu lassen, da verstehen es die Bekenner des alten Glaubens, orientalische Pracht zu entfalten. Mit zierlichen Gewändern bekleidet und hoch zu Rosse ziehen, nach dem Zeugnisse Ahr. b. Davids, die Partheien der grossen jüdischen Gemeinschaft vor den Palast des Cbalifen. Aber in unsern Anfragen und Erwiderungen erscheinen einfache, schlichte Bewohner der Städte und des taudes. Sie bestellen emsig den geliebten Boden. Sie wissen sich glücklich, da sie das Band der Faniilientreue umfasst. Wo entgegenstrebende Wünsche mit einander streiten, wo die Selbstsucht verlangend dem Wohle des Nächsten nahe tritt, da mahnen und wehreu die Briefe der Lehrer, welche das Recht und die Billigkeit ebenfalls schlicht und einfach zum Ausdrucke bringen.