Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 6.1888
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 8)
- Language
- German
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— 9 — ein XoYum in der jüdischen Literatur. »Seitdem nach dem Vorgange von Spr. 8, 12 das apokryphe „Buch der Weisheit" die Weisheit in Person auftreten lässt, ist mir aus der jüdischen Literatur kein Heispiel einer Pcrsoiiilication erinnerlich. Hat man je gehurt, dass die Tora, oder das "J*:r» oder der Talmud oder der Midraseh Jemandem erschienen sei und mit ihm gesprochen hahe? In den Otiot (angeblich des 1!. Akiha) erscheinen höchstens die einzelnen Buchstaben des hebräischen Alfabets vor Gott; deutsche, französische Dichter rufen, wie Simon h. Isak die Tora, Amittai die CCmn r~S. nicht mit allgemeiner Billigung, an. Wenn dieser Maggid (also objektiv Josef Karo selbst) fortwährend von dem keinen Augenblick auszusetzenden Studium der Mischna spricht, so hätte man erwartet, dass unter den zahlreichen Werken des Karo eines sich mit der Mischna beschäftigen sollt«*; das ist aber bekanntlich nicht der Kall. — Was soll man dazu sagen, dass der Maggid dem Karo Vorwürfe macht, die uns, wenn sie begründet wären, den doch gewiss sehr „frommen*' Mann in eigenthümlichem Lichte erscheinen lassen? Kr tadelt ihn," dass er nicht in der Frühe zum Gottesdienste gehe, dass er nicht mit gehöriger Andacht l«te (35a), dass er einen halben Tag dazu verwendet, sich nach Fleisch umzusehen, und doch keines gefunden, und auch mit den Hühnern, die er bekommen, habe er kein Glück gehabt (.'55b S. 70), und dergleichen Alfanzereien mehr. Von Attributen, die im M. M. älteren Autoritäten beigelegt werden, wie zpy» Wi, nvi ~\nc, *?Trn *Trc P", ^tci: crvn\ -he\x, njcc piretr u. s. w. ist in keiner sonstigen Schrift Karos die Hede. Bis zum Ucberdruss wird fortwährend wiederholt *v), der Maggid wolle den Karo damit beglücken, dass er zur Heiligung des göttlichen Namens verbrannt, ein tadelloses Opfer „zu angenehmem Duft" aufsteigen werde. Grätz (Geschichte der .luden IX, 2U6, 320 u. s. w.) schliesst daraus. J«»sef Karo habe Sehnsucht danach gehabt, ein Märtyrer zu werden, sich darauf vorbereitet u. s. w. Das ist einfach nicht wahr. Karo ist <S7 Jahre alt geworden und hat niemals die Sehnsucht danach gehabt, verbrannt "zu werden. Sehnsucht nach Martyrium ist überhaupt ganz unjüdisch. Seit den Zeiten des Antioehus^ Kpiphanes sind unzählige Juden Opfer ihrer religiösen Uchcrzeugung geworden, wenn es eben sein musste, und wenn man sich nicht dem Tod« entziehen konnte. Selbst wenn mau in den Fällen, wo die Vorschrift lautet J"W aus Todesangst die Vorschrift nicht beobachtet hatte; wenn man durch Flucht, Verstellung oder List sich dem Märtyrertod».' «Mitzog, haben angesehene Gesetzlehrer diese Schwäche milde behandelt und es verboten, den C^X wegen seiner Schwäche Vorwürfe zu macheu. Fnd gesetzten Falles, Josef Karo hätte sich nach dem Martyrium gesehnt, so hat. er doch recht wohl gewusst, dass in Ländern muhamedanischer Herrschalt — nur in solchen hat er den grössten Theil seines Lebens zugebracht — dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen könne; aber er brauchte nur nach Ländern christlicher Herrschaft, zumal nach Spanien, zu gehen,, und seine Sehnsucht wäre erfüllt worden. Indess hat, er sich wohl gehütet — und das war sehr vernünftig —, zu einem Auto da fe gebraucht zu werden; von «lern Heile, das ihm bevorstand, hat er freilich nichts gehört. rr-> nTTO rrr>: der IrrthumV in Karo den Verfasser des M. M. zu sehen, hat natürlich zu einer falschen Beurtheilung des immerhin bedeutenden Mannes geführt. Die cigenthümliche Darstellung in Kobaks Jeschurum*3) kann getrost ad acta gelegt werden; der Verfasser der „Geschichte des jüdischen Volkes", Dr. S. Bäck, begnügt sich (S. 397) damit, „dass die kabbalistischen Bestrebungen des K. Joseph in seine Schriften nur in geringem 3Iaas.se eingedrungen seien". Aber die Qonsequenzen, zu denen jener lrrthum den Professor Grätz verleitet hat, verdienen eben wegen der Autorität, welche das Grätzsche Geschichtswerk in grossen Kreisen geniesst, eine Besprechung. Zunächst nimmt Grätz es als ausgemacht an, dass Salomo Molcho von grossem Einfluss auf Karo gewesen sei. Das ist wiederum nicht wahr. Weder Molcho'» noch Karo's (authentische) Schriften geben einen Anhalt dafür, dass die beiden Männer eine Beziehung zu einander gehabt haben; kein 2