Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 4.1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273553--0145-2273904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 14 — der Unterweisung der Gemeinde forderte solches. Auch Responsen, so weit sie vorkamen, werden sich meist, wie die „Sendungen" in der talmudischen Epoche mit der Uebnng, mit der im Leben anzuwendenden Praxis beschäftiget haben. Kurz nach dem Erscheinen der Scheeitot, wächst die Responsenliteratur im Lande des Euphrat kräftig und strebend empor und gedeiht wundervoll. Die Geonen schreiben viele Responsen und der Midrasch, welcher an Ausdehnung gewinnt,' sieht neben sich abermals die Literatur der kurzen Halachot, aber in noch viel reicherem Flor ein Responsenschriftthmn erblühen, welches immer ausgedehnter wird, welches immer zu höherem Gedeihen kommt Diese Briefe der Geonen sind zu einem grossen Theile ohue Umarbeitung und in ihrem Wortlaute auf uns gekommen. Nur Abkürzungen und Auslassungen haben sich Schüler und Abschreiber gestattet. Seit dem Bestände des rabbinischen Schriftthumes geschah es zum ersten male, dass die Meinung des Lehrers im Lehrsatze sowohl wie in der Beweisführung von diesem selbst oder von einem Schüler unter dem Diktate des Meisters hingeschrieben, wörtlich nnd in dem ganzen Gepräge des ursprünglichen Ausdruckes überliefert wurde und auf die Nachwelt kam.80) Die Betrachtung der alten Zeit hat uns gezeigt, dass die Rabbinen sich erst spät mit Vorliebe dem Responsum zugewendet haben. Allein von da ab beherrscht das Responsum auch auf lange hinaus das. ganze jüdische Schriftthum. Selbst die Lehrer, welche Werke gesetzentscheidenden Inhalts anlegen, können nicht umhin, in ihre Halachot die Epistel-Bescheide alter Meister einzuflechten.81) Responsen bilden die Blüthe der jüdischen Wissenschaft in der ganzen geoneischen Epoche. Selbst als später Schulhäupter in Sura und Pumpadita eine andere schriftstellerische Thätigkeit entfalten, zieht der reiche Strom der Responsen stolz neben dem Quell der Belehrung, der in anderen Schriften fliesst, er übertrifft sie an Bedeutung, an weitreichendem Einflüsse und allgemeiner Verbreitung. Auch die Gesetzeslehrer in Spanien hegen diesen immer grünenden Baum der Literatur mit Sorgfalt. Sie schreiben, wie die Geonen, hebräische und arabische Responsen. So bürgerte sicli der gelehrte Brief für mehr als ein Jahrtausend ein in dem Kreise des wissenschaftlichen Schaffens unseres Stammes. Von den Tagen der Geonen bis auf unsere Zeit herab bilden die Responsen der Lehrer eine lange Kette ernster Gedanken, weiser Erwägungen, klarer, erleuchtender Belehrung. Diese Aufzeichnungen geben uns Nachricht darüber, wie man alte Bestimmungen auf neue Verhältnisse anwendete, welche Gestalt religiöse Einrichtungen, die in fernen Ländern erwachsen waren, auf einem anderen Funkte der Erde annahmen. Die Briefe sind für das Verständniss der Geistesentwickelung wie für die Kenntniss der äusseren Geschichte der Israeliten besonders wichtig. Nicht nur strahlt uns aus denselben die ganze Bedeutung der Lehrer entgegen,, sie geben uns auch Kunde von den Verhältnissen und von den Lebenslagen der Juden in allen Ländern. Sonst zeichnen Chronisten und Geschichtsschreiber in kleinen oder grösseren Bildern die Lebensweise und die Sitte, den Charakter und das Streben, die Unternehmungen und die Geschehnisse in dem Kreise eines Volkes. Aber das zerstreute Israel wohnte in so vielen Ländern. Bald beugte es sich hier unter hartem Drucke, bald umspielte es dort der Hauch der Duldung und des Friedens 5 bald trat ihm da Neid und Bosheit wehrend in den Lebensweg, bald rang sich dort ein Sohn des Volkes durch Geisteskraft und Edelsinn empor, die Treue sicherte ihm seines Königs Gnade und durch ihn erblüht seinem Stamme Wohlfahrt. Auf der weiten Bodenfiäche dieses eigentümlichen Volkslebens wechseln die Verhältnisse rasch und oft. Selten finden sich die Milnner, welche diese aufzeic!von und dem Gedächtnisse be-