Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 4.1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 3)
- Language
- German
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gestaltet und ausgebildet hatten, dem Briefe. Es hat die Sprache jener Epoche noch kein besonderes Wort für die briefliche Sendung und bedient sich desselben Ausdruckes, um das Schriftstuck, das Rollbuch und den Brief zu bezeichnen. Man kann auch nicht feststellen, ob in jenen Tagen Anordnungen und Benachrichtigungen an die Stämme in einer dieser Formen erfolgten.5) Doch hat ein Schreiben, welches ganz bestimmt ein Brief ist, in der Lebensgeschichte Davids grosse Bedeutung. Die Sünde entsendet es, leichtbeschwingt und tötend trifft es wie ein Pfeil.2) Kurz wie dieser Brief ist auch jener, den Isabel in mehreren Abschriften ausfertigt und den Fürsten Jisreels zusendet, um den unschuldigen Nabot dem Verderben zu weihen.3) Und ebenfalls durch Briefe wird das Hans dieser Königin 'dem Untergange entgegengeführt. Der erste Brief des siegreichen Jehu ist in dem Tone einer stolzen Herausforderung gehalten, in dem zweiten wird der Befehl des Feldherrn durch ein begütigendes Wort eingeleitet.4) Dem Zeitalter Hiskias ist der Brief geläufig. Das unklare Gesicht, welches Seher und Propheten nicht zu erkennen und nicht zu deuten vermögen, nennt Jesaja einen versiegelten Brief.5) Ob die Assyrer Jerusalem belagern, ob das wieder zur Selbstständigkeit erstandene Babylon um die Gunst des Königs wirbt, immer treten auch Briefe in den Vordergrund der Geschichte.6) Der Chroniker lässt Hiskia die Aufforderung an das Volk, das Passafest feierlich zu begehen, brieflich stellen.7) In den Tagen, da das ernste, milde Wort des Jeremia in Jerusalem weckt und ermuntert, wird dieses Wort durch den Brief nach Babylon getragen, um den Ausgewanderten Hoffnung und Trost zu/bringen 8) In Briefen, welche in Jerusalem zur f Verlesung kommen, kämpft Schemaja in Babylon gegen den Propheten von Anatotj9) Wahrscheinlich sandten auch wirklich gottbegeisterte, in dem Exile lebende Propheten, wie Ezechiel, ihre Ermahnungen und Aussprüche brieflich nach Judäa, und so mag früh schon der Brief eines der mächtigsten Bande geworden sein, um die zum erstenmale zerstreuten Juden zu einen und zusammenzuhalten. In den Erzählungen von dem Schicksale des jüdischen Stammes aus der Zeit der Perserherrschaft spielen Briefe eine wichtige Rolle. Gegner und Fürsprecher des Wiederaufbaues der alten Hauptstadt Judäas kämpfen ihre Sache vor dem Throne des Darius brieflich durch.,0) Wie ]tfehemia mit den Briefen des Königs neue Hoffnung in das alte Land der Väter trägt,11) so bedient sich die Hinterlist der gleichen Form des Verkehrs, um diese Hoffnung im Keime zu brechen. Die Mittheilung, welche die Boten mündlich bestellen, täuscht den Pascha nicht, da senden seine glatten Feinde, wie zum Beweise ihrer freundlichen Absicht, einen offenen Brief.13) Die Feier der Purimtage wird den Israeliten durch eine Epistel empfohlen.,3) Wie dieses freudige Fest wird auch später das der Tempelweihe den im fernen Lande wohnenden Juden durch ein Sendschreiben bekanntgegeben.14) Josephus lässt die Juden mit ptolemäischen und seleuciuischen Königen, mit Griechen und Römern und im Kreise des eigenen Volkes sehr oft brieflich verkehren.15) Dieser vielseitigen, allgemeinen und gewöhnlichen Anwendung der brieflichen Mittheilung gegenüber erscheint es für den ersten Blick auffallend, dass in den alten rabbinischen Schriften so wenig von Sendschreiben die Rede ist. Die epistolare Thätigkeit scheint in Judäa in dem Jahrhunderte der zweiten Tempelzerstörung und in den darauf folgenden zwei Jahrhunderten zum Stillstände gekommen zu sein. Während uns mündliche Verhandlungen der Lehrer aus diesen Zeiten nach ihrer ganzen Bedeutung, manchmal sogar in der ganzen Treue des Ausdruckes aufbewahrt bleiben, sind "die Spuren eines brieflichen Verkehres zwischen Schulen, Gesetze-sforschern, Meistern und Jüngern nur in geringen Fragmenten und unsicher nachzuweisen. Um diese Zeit aber ist der gelehrte und polemische Brief in Alexandrien bekannt: