Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- [3].1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 9)
- Language
- German
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10 Wie nun aber, als er angekommen war, und das "Volk Israel mit eigenen Augen sah? Er lernte es zunächst nur unvollständig kennen (4. M. 22,4i), Bruchstücke seines Lebens und seiner Geschichte, fand aber nichts Fluchwürdiges an ihm, lind so sprach er: »Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht; und wie verwünschen, den Gott nicht verwünscht!u Er sieht es aber nicht wie Balak mit den Augen der Furcht und des Neides an, sondern von dem höheren geschichtlichen Standpunkt. „Vom Gipfel der Felsen", sprach er, „schau' ich es; von der Höhe erblick' ich es.a Da ist auch er vor allem von dieser ganz abweichenden Volkseigenthümlichkeit betroffen. „Siehe*, fahrt er fort, »ein Volk, abgesondert wohnt es, und unter die Völker rechnet es sich nicht." Hiermit spricht er thatsächlich dasselbe aus, wie Haman mit seinem gehässigen Wort; aber Bileam erkennt damit die historische und sittliche Berechtigung dieser Eigentümlichkeit an. Hier findet er als Besitz eines Volkes die Religion, die er auch als die seinige weiss; und so schliesst er seinen Sehersprnch mit dem Wunsche; „Sterbe .meine Seele den Tod der Gerechten, und sei mein Ende wie das ihre.14 Dasi war freilich nicht nach Balak's Sinn. Auf dessen Drängen sucht nun Bileam, Israel immer genauer kennen zu lernen, und immer mehr schwindet sein Vorurtheil gegen dasselbe; und so spricht er in seinem zweiten Spruch unumwunden: Siehe, zu segnen habe ich empfangen; Gott hat dies Volk gesegnet, und da mag ich es nicht wenden. Man schaut nichts Böses an Jacob, und siebet kein Unrecht an Israel. Gott ist mit ihm, und Gottes Stimme erschallt unter ihm. Es ist ein Volk, welches sich Gott durch seine Propheten erzieht. Und als Bileam endlich glaubte, Israel völlig erkannt zu haben, da sagte er in seinem dritten Spruche aus überströmendem Herzen: „Wie schön sind deine Zelte, o Jacob, deine Wohnungen, o Israel! Wer dich segnet, ist gesegnet, und wer dich .verflucht, ist verflucht." Wie tief hat Bileam das Wesen Israels durchschaut, und in wie wunderbarer Weise hat sich sein Wort bewährt: Israel wird nicht unter die Völker gerechnet! In Wahrheit nmd im Innersten war Israel niemals ein Volk, es war nie etwas anderes als was es heute ist: eine Religionsgenosseiisehaft, und war nur so lange äusserlich auch ein Volk, als es zur Religionsgemeinde erzogen werden musste. So ist Bileam, der, bevor er Israel kannte, demselben feind war, nachdem er es kennen gelernt hatte, zum Freunde desselben geworden; der Fluch, den das Vorurtheil sprechen wollte, ist zum Segen umgestaltet, den die Erkenntniss erteilte. Dass dies der Sinn des Ganzen ist, spricht der Pentateuch (Dt. 23,6) selbst ans. Das Buch Ester berichtet (9,22) einen Wandel des äusseren Geschickes; die Erzählung von Bileam einen Wandel der inneren Ueberzeugung.6) K>ch meiner ursprünglichen Absicht hätte ich Ihnen nun das Gegenstück zu Haman und Bileam vorzuführen, nämlich die Gesinnung des israelitischen Propheten, des Nabi, gegen die Heiden. Dies Thema sei für eine andere Gelegenheit aufbewahrt. Gestatten Sie mir jetzt nur noch ein Schlusswort ' Das Purimfest steht wiederum im nächsten Monat bevor. Hochgeehrte Anwesende, Sie werden es begehen, wie Sie bisher alle Jahre gethan haben, und ich werde es auch feiern. Aber in welchem Sinne?, Das wollen wir aus dem Talmud lernen. Ein berühmter Rabbi hat gesagt: Gott freut sich nicht über den Untergang der Bösen. Als Mose und die Kinder Israel das Lied über den "n irchzug durch das rothe Heer und den Untergang der Aegypter anstimmten, da wollten auch die Engel in diesen Gesang einfallen; indessen Gott wehrte ihnen mit den Worten: meiner Hände Werk ist im Meere versunken, und ihr wollt deswegen singen? Der