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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1885-01-01 · [3].1885 · p. Seite 9

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
[3].1885
Date
1885-01-01
Page
Seite 9 (sequence 8)
Language
German
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9 Ein ganz anderer Geist; als der das Buch Ester schrieb, war es, der die Gestalt Bileams schuf, ein echt prophetischer, ein heiliger Geist. Es ist eben im Pentateuch, wo uns von Bileam erzählt wird. Wir wissen sonst kaum etwas von Bileam. Doch scheint er auch bei den Edomitern nnd den Arabern, und also wohl bei allen semitischen Völkern eine berühmte Persönlichkeit gewesen zu sein, hier als Gründer einer alten Dynastie, dort als Weiser, oder als Seher und Zauberer, der in die Zukunft blickte und Segen oder Fluch wirksam aussprechen konnte. Ich gebe Ihnen die Erzählung des Pentateuchs wieder, wie ich sie verstehe.6) Das Volk Israel hatte im vierzigsten Jahre seiner Wüstenwanderung, um jede feindliche Berührung mit Moab zu meiden, dieses Land an seiner ganzen Ostseite von Süden her umzogen, hatte einen weiten und höchst beschwerlichen Umweg durch die Wüste genommen, nnd lagerte nun im Norden Moabs an den östlichen Ufern des Jordan, den es demnächst überschreiten sollte. Bekämpft und besiegt hatte es nur den im Norden Moabs sesshaften Emoriter, der zugleich Feind Moabs war. Obwohl nun Israel bewiesen hatte, dass es Moab in seinem Besitze nicht stören wolle, so fürchtete Balak, der König von Moab, dennoch einen Angriff von demselben: und wenn auch dies nicht, so wollte er den blossen Aufenthalt eines zahlreichen Volksstammes in seiner Nähe nicht dulden, da dieser natürlich Lebensmittel brauchte, wenn er sich auch Brod und Wasser von dem Besitzer erkaufte. Balak sandte daher eine Botschaft an Bileam, der fern von ihm am oberen Euphrat wohnte, mit der Meldung: „Siehe, ein Volk ist ausgezogen aus Aegypten; siehe, es bedecket das Antlitz des Landes und lieget mir gegenüber." Hierzu fügte er die Bitte: „Und nun komme doch, verfluche mir dieses Volk, denn.es ist mir zu stark: vielleicht vermag iclrs dann, wir schlagen es, und ich vertreibe es aus dem Lande: denn ich weiss, wen du segnest, der ist gesegnet: und wen du verfluchest, der ist verfluchet." Bileam folgte der Einladung; warum sollte er auch nicht? Er war mit dem König von Moab befreundet und wollte ihm wohl, wie auch dessen Volke. Nun meldet ihm dieser, dass aus Aegypten ein Volk ausgezogen sei, welches seine Freunde bedrängt. Unter-Aegypten war schon länger als ein Jahrtausend vor Moses voll von kleinen semitischen Völkerschaften,, welche dort, wie auch Abraham und Jacob beweisen, mit ihren Heerden umher- und aus- und einzogen: es waren meist räuberische Beduinenstämme, sagen wir kurz nomadisches Gesindel. Für solch einen Wanderstamm, der zur Abwechselung wieder einmal aus Aegypten ausgezogen ist und in Canaan die Weiden uud Felder abfressen will, durfte Bileam auch das Volk halten, von dem ihm Balak Meldung that, und das ihm so geschildert wird, wie man eine Heuchreckenplage beschreibt. Der Name Israel ward ihm nicht einmal genannt: und wenn dies auch geschehen wäre, er kannte ja Israel gar nicht. Wie hätte er es kennen sollen? Ich finde keine Veranlassung, von Bileam anders zu urtheilen, als dass er ein frommer Anhänger und treuer Diener Gottes war. Balak hatte ihm die Fürsten Moabs als Botschafter zugesandt und hatte es auch nicht an reichen Geschenken fehlen lassen; aber er erklärte m seiner Unbestechlichkeit: „Und gäbe mir Balak sein Haus voll Silber und Gold, so ^könnte ich doch den Befehl Jehova's meines Gottes nicht' übertreten im Kleinen oder Grossen.". Er kannte Israel nicht, und das Vorurtheil. das er gegen dasselbe hatte, war, wie gesagt, im Allgemeinen nicht ohne Grund. Er ist also bereit, den Fluch über Israel auszusprechen — vorausgesetzt, dass Gott es gestatten werde.' „Denn*, sagte er, „kann ich denn wohl auch nur ein Wort reden, das Gott nicht in meinen Mund gelegt hätte?* . 2

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