Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- [3].1885
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 6)
- Language
- German
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von schmerzhafter Angst ergriffen, als sie von Mordeehafs Traueraufzug hört: sie zittert anfangs vor der ihr zugemntheten Aufgabe, den König umzustimmen: sie glaubt nicht, Einflnss auf ihn1 zu haben — alles echt weiblieh. Auf Mordeehais Vorhalten indessen entschüesst sie sich zum Versuch, wohl wissend, dass, wenn er misslingt. sie mit dem Leben büssen müsse. Zaghaft und fromm, aber auch klug, trifft sie ihre Vorbereitungen — auch dies echt weiblich. Sie ladet den König zu einem Mahle bei sich ein, ihn und den Günstling Haman. Sie ist aber so schüchtern, ja furchtsam, dass sie, beim Mahl vom König aufgefordert, sich eine Gunst zu erbitten, nur ihre Einladung wiederholt; erst wenn der König noch einmal kommen werde/ wolle sie reden. Dem Könige, nichts von dem was in Esters Innern vorgeht ahnend, kann dies nur als liebliches Liebesspiel erscheinen. "Was kann denn dieses in seiner Furchtsamkeit noch reizendere Weib wollen, was solcher vorsichtigen Umschweife bedürfte! Beim zweiten Mahle tritt sie endlich heraus und spricht kurz, aber in den erschütterndsten Ausdrücken: „Schenke mir mein Leben auf meine Bitte und mein Volk auf mein Gesuch!" — Worte, die nur um so ergreifender wirken konnten, als sie den König überraschen mussten und dem Feinde Haman ins Gesicht gesprochen wurden. Der König ganz seinem Charaker gemäss braust auf, und schliesslich fehlt nun auch wieder der Bediente nicht, der mit seiner Anklage gegen Haman diesen an den Galgen liefert, den er für Mordechai hatte bauen lassen. Dciss das Buch Ester bei solchen Vorzügen meisterhafter Erzählung sich bei den Juden "grossen Beifall errang — was ist natürlicher? Seit der Zeit des Verfassers fühlten die Juden' fast unausgesetzt bis in unser Jahrhundert und in unsre Tage das Schwert Hanian's über ihrem Haupte; Haman's Worte summten um ihre Ohren. Das Buch Ester erzählte ihnen nicht bloss eine Geschichte, sondern erinnerte sie an hundert Ereignisse, nicht blos aus vergangenen Zeiten, sondern aus ihrer Gegenwart, deren Blutzeugen sie gesehen hatten, weil die Pläne der Hanian's nicht immer vereitelt wurden. Wie oft hatten sie, wie damals, zu klagen.mit Esters Wort: (7,4) „wir sind verkauft!" Wie oft erinnerte sich dann dieser und jener günstiger Gestellte, den man wohl gern hätte als Ausnahme gelten lassen, und der sich leicht hätte vom Geschicke seiner Glaubensgenossen trennen können — wie oft, sage ich, erinnerte er sich dann' an seine Pflicht abermals mit der Königin Ester Worten: „Wie ertrug* ich's, das Unheil mit anzusehen, das raein Volk trifft, und wie ertrüg*1 ich's, die Vernichtung meines Geschlechts mit' anzusehen!" (S,c) Und wenn er sich sagen musste, wie hoffnungslos sein Unternehmen, wie' mag er sich dann doch zu dem Entschlüsse gedrängt haben wiederum mit Esters Worten: „und bin ich verloren, so biu ich verloren* (4.tc,): ich wäre ja, auch leiblich gerettet, doch innerlich verloren. Nichts desto weniger hat man auch unter den Juden zu allen Zeiten die Schwächen des Verfassers wohl erkannt. Sein Mordechai ist der Charakter des Verfassers selbst. Wenn er ihn nun mit den Ehren bekleidet werden lässt, welche Haman für sich in Anspruch nahm, so sinkt er selbst zu Hamans kleinlicher Eitelkeit hinab, und wenn die Juden nicht nur für ihr Leben einstehen, sondern auch (obwohl die Veranlassung zur Gegenwehr geschwunden ist) sie ihrerseits ihre Hasser mit dem Schwerte-vernichten: so stürzen Ester und Mordechai in die Blutgier Hamanns. Für diesen höfischen Herrn und blutigen Menschen, Mordechai, hatten die echten Juden niemals weder Verständniss noch Sympathie. Aus dem Talmud erfahren wir, dass die Weisen Judas der Ester den Vorwurf machten we\xh p*? wby rrr.Wö naop (Megilla 7a) „du erweckst den Neid der Völker gegen uns1*; und ein Theil der Weisen haben