Mannheim
Compact Memory

Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1885-01-01 · [3].1885 · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
[3].1885
Date
1885-01-01
Page
Seite 6 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2273546-2273551--0090-2273848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

♦> dem Könige, zu Theil ward: man sollte, wo er erschien, vor ihm knien und den Boden küssen. Das that Mordechai nicht, weil — wie ihn unser Erzähler sagen lässt — weil er Jude sei (3,4). Der hochmüthige Haman kann nicht bemerken, ob ihn jeder Mensch in dem Haufen, den er erhobenen Hauptes durchschreitet, den ehrenvollen Gruss bietet: er übersieht also längere Zeit den Mordechai. Da wird er von Bedienten auf diesen Widerspenstigen aufmerksam gemacht. Wo und wann hätte es an Bedientenseelen gefehlt, welche nicht so sehr auf den hohen Herrn, als auf ihres Gleichen neidisch sind, vor allem aber die unabhängige Armuth nicht sehen mögen. Wie! dieser Mordechai — er, der geringer als sie. noch nicht einmal Bedienter eines Vornehmen — wagt es, vor dem hohen Haman nicht zu knien! So wird er denuncirt; und nun treibt den kleinlichen Emporkömmling die verletzte Eitelkeit und der Hochmuth zu blutiger Rachgier, und er beschliesst, an Mordechai und an seinem ganzen Volke volle Rache zu nehmen; denn, so hatten ihm die Bedienten gesagt, nicht als eigenwillige Person verweigerte Mordechai den Kniefall, sondern als Jude. Also ist das Volk verantwortlich für ihn. Er und sein Volk sollten vernichtet werden. Ohne Umschweif klagt Haman die Juden beim gedankenlosen König an: „Da ist ein Volk." sagt er, „zerstreut und versprengt unter die Völker durch alle Landschaften deines Königreichs, und ihre Gesetze sind anders, denn aller Völker, und nach des Königs Gesetzen thun sie nicht, und es ist dem König nicht angemessen, sie zu lassen.6 Das ist die classische Formel der Judenhetzerei seit zwei Jahrtausenden: die Juden sind international und mit eigner Religion, folglich Feinde der Menschheit und der Götter, empörerische Unterthanen, die ein Fürst, der die Gottheit ehrt und seine Unterthanen liebt, nicht dulden darf. Sollten diese Gründe noch nicht ausreichen, um den König zu jeder Grausamkeit zu stimmen, so sollte die Aussicht auf einen Geldgewinn von (wenn ich richtig gerechnet habe} 03 Millionen Mark, die von Haman durch Vernichtung der Juden dem König verheissen wurden, den Ausschlag geben. Der König, leichtsinnig oder gedankenlos (wie ihn der Verfasser überall gezeichnet hat), überlässt die Juden dem Belieben Hamans und schenkt demselben obenein. ihr Geld. Jetzt zeigt sich Mordechafs unbeugsame Festigkeit. Ja wohl, er änderte sein Benehmen gegen Haman. Bevor das traurige Edict erlassen war, wollte er vor ihm nicht niederfallen und konnte hoffen, dies werde unbeachtet bleiben. Xun aber, unter Haman's aufmerksamen Blicken, stand er nicht einmal vor ihm auf und regte sich nicht. Der kleine Haman, der soeben von der Königin in Gegenwart des Königs die höchste Ehre erfahren hatte, vermochte sich über Mordechai* s Verstoss gegen die höfische Form nicht zu trösten.. All sein Glück, erklärt er, seine hohe Würde, die Gunst des Königs und auch der Königin, sein Reichthum, seine Familie gelten ihm nichts, wenn er den verhassten Mordechai sieht. So sollte denn dieser noch vor dem allgemeinen Gericht über sein Volk schon morgen gehängt werden. Die Eitelkeit also, die' ihn grausam gemacht hat, veranlasst den Anfang von Haman's Ende, und wieder die Eitelkeit Hess ihn in die Falle gehen, die ihm des Königs Laune am Morgen nach der schlaflosen Nacht gestellt hatte. Ester wird zuerst als Jungfrau vorgeführt, „schön von Gestalt und fein von Ansehen." Anspruchslos lässt sie sich gefallen, was ihr im Harem des Königs nach dortigem Gebranch gegeben und angethan wird, ohne selbst irgend etwas zu wünschen (2,r>). Sie wird nicht näher beschrieben; aber der Verfasser zeigt sie uns in dem Eindruck, den sie macht', „sie fand Gunst in den Augen Aller, die sie sahen.u Auch als Königin bleibt sie ihrem Erzieher und seinen Lehren treu und verharrt in weiblicher Scheu, ohne thätig hervorzutreten. Sie wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.