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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1885-01-01 · [3].1885 · p. Seite 4

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
[3].1885
Date
1885-01-01
Page
Seite 4 (sequence 3)
Language
German
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4 und einen anderen Ahasver gegeben haben, wie unser deutscher Dichter Grillparzer es angedeutet hat; und vielleicht erleben wir es noch, dass Jemand Haman als den Typus eines socialökonoinischen Reformators auf religiöser Grundlage vorführt.*) Der Verfasser unseres Buches Ester ist unbekannt; indessen dürfen wir annehmen, dass er fast drei Jahrhunderte nach der Zeit gelebt hat, in welche das von ihm erzählte Er« eigniss fallen sollte. Es ist die Zeit der persischen Grossmacht, in der Haman auftritt. Der Verfasser aber weiss von den Zuständen der persischen Monarchie sehr wenig. Achaschverosch ist die hebräische Aussprache desselben persischen Königsnamens, den die Griechen Xerxes aussprachen. Wie geringe Kenntniss von diesem berühmten König der Verfasser seinen Lesern zutrauen konnte, und wie wenig er selbst von ihm wusste. geht sogleich aus seinen Anfangsworten hervor, wo er von Xerxes wie von einem alten halbvergessenen Könige spricht, von dessen ausserordentlich grosser Herrschermacht nur noch dunkle Gerüchte umgingen. Ihr habt doch wohl einmal gehört, so etwa spricht der Verfasser, von einem König. Ahasver, der über 127 Provinzen, über ein Reich von Indien bis Aethiopien, regiert hat: unter dem begab sich was ich euch erzählen will.1) Er hat ein sehr gutes Erzählertalent; aber ein Historiker in unserem Sinne ist er nicht. Von Geschichte., von Staaten, Regierungen und Politik hat er ganz naive Anschauungen. Er spricht im Tone des Märchens. Sein König erscheint nie anders als mit der Krone auf dem Haupte und dem goldenen Scepter in der Hand. So, auf dem Throne sitzend, findet ihn auch die Königin Ester (5, i. 2), da sie ihn zum Male einladen will. Er ist ein orientalischer Despot, wie ihn sich die asiatischen Unterthanen wohl durchweg vorstellen, ohne ihm einen Vorwurf zu machen. Er ist absoluter Herr ihres Vermögens und Lebens und schwelgt in Genuss. Von seiner Laune hängt es ab, wen und in welchem Maasse er an seinen Genüssen theilnehraen lassen will. In diesem Sinne war Ahasver ein guter Despot. Er lebte und Hess leben; erzürnen durfte man ihn freilich nicht. Wenn ich den Verfasser des Buches Ester einen vortrefflichen Erzähler nannte, so muss ich doch bemerken, dass man ihm nicht die Kunst der Composition, des organischen Aufbaues zutrauen darf, welche wir von unseren Novellisten fordern. Von einer Verschlingung der Begebenheiten, einem Einschalten und Nachtragen des Früheren, um den rothen Faden des Zusammenhanges straffer zu spannen, ist bei ihm nichts zu finden. Er berichtet Begebenheit nach Begebenheit in der Reihenfolge, wie sie sich zugetragen haben. Aber seine Kraft zeigt sich in der Lebendigkeit der Darstellung jeder einzelnen Scene und vor allem in der Sicherheit der Charakteristik der Personen. Dabei ist er fern von Weitschweifigkeit. Man merkt wohl sein Behagen an der Aufzählung der königlichen Pracht; aber er bleibt fern davon, den Leser zu ermüden. Er verweilt gern nicht nur bei dem grossen Gastmahl,.das der König seinen Fürsten und seinem Volke giebt, sondern auch bei den Toilettenkünsten des Harems. Wir zwar begreifen nicht, wie ein ausgezeichnet schönes Mädchen noch zwölf Monate lang der Behandlung mit kostbaren Salben unter kunstverständigster Hand unterworfen werden müsse, um noch schöner zu werden, schön genug, um dem Könige endlich zugeführt werden zu dürfen; allein er ist dabei nicht ausführlicher, als nöthig ist, um in einer dem Orientalen überhaupt *) In Frankreich hat Ester schon vor Racine mehrmals dramatische Bearbeitung gefunden, und zwar allemal, wie es scheint, in getreuem Anschluss an die Bibel.

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