Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1.1874
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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13 Studium auch die hingebende Thätigkeit für eine schlichte und gesunde Bibelexegese die edelsten Früchte zeitigt. Die Provence, von beiden Seiten her angeregt, vermittelt dann mit achtem Gelehrtenfleisse clie beiderseitig dargebotenen Ergebnisse, sichtet, ordnet, breitet sie weit hin bald durch Uebersetzer- . thätigkeit bald durch Abrundung in leichtfassliche geordnete Werke und erwirbt sich dauernde Verdienste. Doch Stessen nun auch die abweichenden Richtungen hart auf einander; die blos scheinbar versöhnten Elemente drohen auseinander zu fallen, sich gegenseitig zu vernichten. Die sinkende Zeit lässt aus solchem Kampfe nicht Antriebe zu neuen Gestaltungen hervorgehn, nur wenige wissenschaftliche Verhandlungen regen zu tieferem Eindringen an; ermattet beruhigen sich die Geister, und wenn der alte wissenschaftliche Erwerb nicht verloren geht, so büsst er doch an Frische ein, er ist ein überkommenes Erbe, kein durch eigne Kraft erworbenes Eigenthum. Noch treten gar manche treffliche Männer auf, aber ihre Wirksamkeit ist, um so weniger eingreifend, als bald der Schauplatz sich völlig umgestaltet. Das islamische Spanien verfällt mehr und mehr der Herrschaft des Christenthums und des brennendsten Glaubenseifers, die Provence wie Frankreich insgesammt wirft die Juden ans seinen Gränzen hinaus, Deutschland in seiner damaligen Regel- und Bildungslosigkeit bringt Gelehrte hervor, die der herrschenden steifen Kirchlichkeit entsprechen. Nur Italien erweckt Hoffnungen, die aber doch blos bis zum schöngeistigen Spiele, zur eleganten Gelehrsamkeit führen, aber der Energie entbehren, um eine Erneuerung in Wissenschaft und Leben hervorzurufen. So wurden die Geister bald der Freude an der eignen Schöpferkraft und an den hergestellten Schöpfungen verlustig, ihnen blieb blos die Sehnsucht nach erfüllenden Gedanken, nach befriedigenden Empfindungen, wie sie das blosse Herkommen, das Anklammern an die Ueberlieferung nicht gewähren konnte. Das ist die rechte Geburtszeit der Mystik, die, verbrauchte Gedanken phantastisch ausschmückend, das Zwielicht als wirkliches Doppellicht ausgiebt. Sie trägt von vorn herein das Kainszeichen bald des bewussten Betrugs bald nachtwandelnder Selbsttäuschung an der Stirne; sie streut eine Saat des Unheils, die lange Zeit und bis in unsere Tage hinein fortwuchert. Es fehlt auch nun nicht an klaren hervorragenden Geistern, an selbstständigem kraftvollem Auftreten von\!:Männern, die edler Nachwuchs einer grossen Zeit sind, aber sie gehen in den Leiden der Zeit unter, die sich immer steigern, bis endlich die Vertreibung der Juden aus Spanien eine ruhmreiche Epoche traurig abschliesst. Eine siebenhundertjährige edle Betheiligung an allen grossen Vorgängen eines von der Natur gesegneten Landes, ein stolzes Mitwirken an allen hohen Thaten des Geistes, an aller Förderimg des Landeswohles wird mit einem Male vernichtet. Die Geschichte übt in den vier folgenden Jahrhunderten harte Vergeltung an dem undankbaren Lande, das auf dem Gipfel seiner Macht angelangt zu sein .scheint, nun aber unaufhaltbarem Sinken verfällt und wie es sich edler Glieder beraubt hat, weiter dazu verdammt ist, in seinen Eingeweiden zerfleischend zu wühlen. Aber diese blutige Sühne kann das Unheil nicht gut machen, das den Juden war zugefügt worden. Der Jammer über die unsäglichen Leiden, welche stolze Geister erfahren mussten; nützt nicht, aber auch das zähe Halten an verblichenen Erinnerungen ehemaligen Glanzes hat die Ueberreste spanischer und portugiesischer flüchtiger Uebersiedler nach andern Ländern zu einem verkümmernden Stillstaude verleitet. Die Heilung musste anders woher kommen, und die Weltgeschichte hat in langer Hand dazu vorbereitete sie bedarf ernster Kämpfe und ausdauernder Arbeit, um die ausgestreuten Fruchtkeime zur Entwickelung zu bringen. Die Entchristlichung des byzantinischen Reiches, dessen TJmgesestaltung in die osmanische Türkei eröffnete den flüchtigen Juden eine Freistätte, in der jedoch nur die Körper Ruhe fanden, aber der Geist sich nicht verjüngte. Die Buchdruckerkunst erweiterte die Gelehrsamkeit, ohne sie noch zu vertiefen. Und dennoch wirkte zugänglich gemachte altgriechische Bildung und Ausgrabung der Schätze aus dem Alterthume überhaupt in einem neuen Streben nach edler Menschlichkeit,