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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1874-01-01 · 1.1874 · p. Seite 12

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1.1874
Date
1874-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 mit der Zurückführung auf Abraham an den Midrasch anlehnt, aber doch eine ganz eigentümliche Erscheinung ist und wieder ein Zeugniss ablegt von dem zur Zeit seiner Entstehung — etwa im achten Jahrh. — rastlos schaffenden Geiste. Aber rastloser noch schaffet der die Gesammtgeschichte der Menschheit bewegende Weltgeist, und wenn ein früher fruchtbarer Boden verkümmert ist und nur Missgestaltungen noch wuchernd erzeugen kann, so weiss er in einen frischen jimgfräulichen sich einzusenken und von dort aus die Welt neu zu befruchten. Das war die That, welche im siebenten Jahrhundert den Islam weckte, der keinen neuen Gedanken in die Welt brachte, aber alten Gedanken, wenn auch in knapper Ausgestaltung, eine neue Heimath gab in jugendlich regen und kühn vorwärtsstürmenden Geistern. Die Wirksamkeit, welche die mohammedanische Macht in der Oede von sechs Jahrhunderten geistbewahrend und fortleitend entfaltete, war für das Heil der ganzen Menschheit von eingreifender Bedeutsamkeit, sie brachte dem Judenthume eine eigenartige neue Jugend. Sie konnte es nicht voll umgestalten, aber sie konnte ihm mannigfachen neuen Besitz verschaffen, seine gesunde Kraft wecken bis zum Ziele hin, das überhaupt im Mittelalter erreicht werden konnte. Selbst die scheinbar ganz abgestorbenen Glieder wurden von neuem Leben angehaucht. Der dahingeschiedene Sadducäismus erstand wieder imKaräererthum, das seinen Zusammenhang mit seiner alten Wurzel nicht verleugnen kann, aber gern als streng „schriftgemässes" Judenthum gelten wollte. Selbst die Samaritaner zeitigten neue Blüthen. Freilich war es eine künstliche Neubelebung, die den verdorrten Stamm nicht zu frischer Triebkraft verjüngen konnte, und beider Geschichte lasst sich von da an bis zur Gegenwart in ziemlich einförmiger Wiederholung abgestandener geistiger Arbeit rasch überblicken; aber sie haben uns den Nachhall alter verklungener Stimmen gerettet, und ihren Worten lauschend, hören wir das Nachlallen der Verkündigungen aus grauer Vorzeit. Aber im rabbinischen Judenthume war eine schöpferische Zeit neu angebrochen. Wieder neue Namen vernehmen wir. Die geistigen Führer sind nun die Geonim, die Excellenzen, die ganze Glaubensgenossenschaft heisst, insofern der Gegensatz zu dem angeblich schriftgemässen Karäerthum ausgedrückt werden sollte, nun die der „Rabbanim", Rabbinismus. Wie ehedem das Griechenthum, pfropfte nun der Islam die Wissenschaft in das Judenthum: aber die Gestalt, in welcher dieser sie ihm darbrachte, schmiegte sich ihm enge an. Sprache und Anschauung war ihm dort stammverwandt, und der religiöse Grundgedanke des Islam war ja dem Judenthume entnommen. Anfangs war zwar die Einwirkung der Art, dass nur die externen Wissenschaften auch im jüdischen Kreise Pflege fanden, auf dem Gebiete des Judenthums aber, wenn auch neue Regsamkeit entstand, doch die alten Geleise nicht verlassen wurden. Halachahsammlungen und Gutachten bewegen sich in den vorgeschriebenen Normen: die Versuche zu neuen Dichtungen, sicher schon unter syrischem Einflüsse früher gepflegt, nahmen arabische Formen an, spielten übermässig mit dem Gleichklange, handhabten die Sprache mit einer Kühnheit, die aller Regel spottete, aber gerade die ächte Dichterweihe in Inhalt und Form vermissen Hess. Doch mit dem Anfange des zehnten Jahrh. war die Lehrzeit vorübergegangen, und eine schöne Morgenröthe der Wissenschaft beginnt den ganzen Horizont zu vergolden. Das sind drei Jahrhunderte eines herrlichen Gedeihens, das Licht wächst, wenn es auch bald an leichtem Gewölke, bald an drohenden Gewitterwolken nicht fehlt, die Frucht reift herrlich, und uns freut ebenso der Anblick des reich ergiebigen Bodens, wie wir uns heute noch an der vollen Ernte erquicken. Philosophie in ihrer innigsten Durchdringung mit der überkommenen Religion, hebräische Dichtkunst, Sprachwissenschaft und Exegese fanden die eingehendste Pflege, glänzende Namen folgen einander in ununterbrochener Reihenfolge, und unvergängliche Geistesthaten prägen sich ein. Wenn es erhebend ist, den Gang durch die Geschichte des Judenthums in den dem Islam unterworfenen Gebieten zu machen vom 10. bis zum 13. Jahrhundert, so richtet sich der Blick nicht minder freudig auf die gleichzeitige Entwicklung in Nordfrankreich, wo neben einem eingehenden Thalmud-

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