Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1.1874
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 streben, wie ein Protest nüchternen Sinnes durch, dennoch beugte man sich unter die Methode, die nun einmal ein notwendiges Resultat vorangegangener Gestaltungen war. Die Auflehnung der Schriftauffassung nach schlichtem Verständnisse gegen die gezwungenen Deutungen wiederholte sich, so oft die Wissenschaft Eingang fand, und dennoch vermochte man von dem zur Gewalt gelangten künstlichen Interpretationsverfahren sich nicht zu befreien. Trotz all dieser Enge bekundet sich die geitsige Kraft des Judenthums in der Mannigfaltigkeit anregendster Bestrebungen, in einer reichen Zahl von Schöpfungen, die wenn auch mit dem eigenthüinlichen Gepräge ihrer Zeit versehen, doch eine wunderbare Schärfe und Tiefe der Denkkraft, eine höchst gesunde Innigkeit sittlicher Empfindung bekunden. Eine neue Zeit war eingetreten; sie schuf sich neue Träger und für diese einen neuen Namen. Schon war ehedem auf den Roeh, den Seher göttlicher Erscheinungen, der Nabi gefolgt, der Verkünder göttlicher Offenbarungen und Mahnungen, auf diesen der Sofer, der Schriftkundige, dann der Thanna, der Wiederholer alter Ueberlieferungen, dann der Aniora, der Erklärer des traditionell Ueberkommenen; nunmehr treten die Rab b an an Seburae, die über das Gegebene Nachdenkenden, die Lernenden und sich Aneignenden an deren Stelle. Ihre Wirksamkeit ist eine kurze, wenige Zusätze und abschliessende Entscheidungen überliefern sie der Nachwelt. Sie waren wohl auf aggadischem Gebiete, dem einzigen, in welchem noch eine gewisse Freiheit vergönnt war, besonders anregend, wie denn nun der reiche Anbau des Mi drasch seinen Anfang nimmt, jene eigenthümliche Literatur, in der die Abenteuerlichkeit sich friedlich zu den tiefsten Blicken in die Menschenseele gesellt, kindische Vorstellungen den erhabensten Flug religiöser und dichterischer Ahnung umranken. Sie verstand es, Personen und Begebenheiten, ja selbst Satzungen der Urzeit zu zeitgenössischen Gestalten umzuschaffen, so dass sie verdoppelt einwirkende Kraft für die Gegenwart gewinnen; das Leben in der grossen Vergangenheit war in den täglichen Verkehr hineingezogen und verklärte diesen, und bei allem ehrerbietigen Aufblicke zu den alten Zeiten ging man so traulich mit ihnen um, dass man sich dadurch erquickt fand. Die Kritik hat in ihrer äussern Aufgabe, in Feststellung der Zeiten für die einzelnen Producte der weiten Midrasch- Literatur Bedeutendes geleistet, das nun vor mehr denn vier Jahrzehnten erschienene Werk von Leopold Zunz „die gottesdienstlichen Vorträge"1 hat ebenso den Grund gelegt wie fast den Ausbau vollendet, und wenn Ergänzungen und Berichtigungen, welche in der darauf folgenden Zeit eifriger Studien zu erwarten waren, spärlich dargebracht wurden, so ist doch die Lücke noch weit empfindlicher in dem Mangel eines wissenschaftlichen Eingehens auf Geist und Inhalt des Midrasch. Raum für freie Thätigkeit bot noch ferner die äussere Abschliessung des Bibeltextes, und sie wird Jahrhunderte hindurch fortgesetzt. Durch die Syrer angeregt, war man bedacht, die Aussprache und die äussere Gestalt des Textes durch Zeichen und sonstige Anordnungen genauer zu fixiren. Punctation und Accentuation, festere Bestimmungen über die Art der Schreibung, über Gestalt und Verzierung der Buchstäben und andere mehr äussere Feststellungen werden, wrie es scheint, ganz nach dem Gange der Syrer, zuerst im Ostlande, Babylon, Ostsyrien, Madinchae, dann aber überwiegend im Westlande, Palästina, Ma'arbae, vorgenommen, und so gestalten sich die Anfänge der Massorah. Die Vornahmen insgesammt, welche dauernd für die Feststellung unseres Bibeltextes Geltung erlangt haben, sind nicht aus vollem grammatischen Bewusstsein hervorgegangen, sind geleitet von Ueberlieferungen, eigenem Sprachgefühl, phonetischen Anforderungen und sind zuweilen sehr äusserliche Experimentirungen. Und dennoch ist diese Arbeit in einer Weise ausgeführt, dass sie ein rühmliches Zeugniss ablegt von dem gesunden Triebe und der geistigen Regsamkeit, welche den Juden nicht fehlte selbst bei ihrer und der ganzen Zeit Erstarrung und Verkommenheit. Auch einen philosophisch-mystischen Anlauf nimmt das Judenthum in dem Büchlein „von der Schöpfung11, Jezirah, das neuplatonisch und vorzugsweise neupythagoräisch in Buchstaben und Zahlen (Sefiroth) die schaffenden Urkräfte sucht, sich mit der Eintheilung der Buchstaben an die Massorah, 2*