Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1.1874
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 Gährung, welche die brennendste Sehnsucht, den verzehrenden Eifer nährte. Ihr verdankt das Christenthum seine Entstehung, der Auflösung des jüdischen Staates, der allgemeinen Verzweiflung seine Erstarkung, den verschiedenartigen Elementen, aus denen es Anhänger gewann, den in einander sich mischenden pharisäischen, sadducäischen und alexandrinischen Anschauungen und Hoffnungen seine erste Gestaltung. In der dadurch bewirkten Zersetzung eröffnete es sich allmälig den Eintritt in die Heidenwelt und ward zur Weltmacht. Nach der Zersprengung des einigenden Volksthnms schlössen sich die vereinzelten Glieder enger im Geistesleben zusammen, und gerade in den äußerlich erkennbaren, den ganzen Lebenswandel ordnenden Vorschriften fanden sie das sichtbare einigende Band. Mühsam, zur zähen Dauer festigend, aber auch kleinlich war die Geistesarbeit mehrerer Jahrhunderte. Mit wunderbarer Schärfe, oft mit überraschendem Tief blicke ward an dem geretteten Geistesgute gearbeitet, das Geistesleben wogte gewaltig und ward wieder erfrischt in einem neuen Lande, dem alten Babylon, das nun, unter der Botmässigkeit der Parther und Neuperser stehend, grössere Freiheit bot. Alte und neue Halachah und Haggadah, palästinische und babylonische Forschung bekämpften und durchdrangen sich, bis der Faden der Entwickelung durch neue Verfolgungen abriss und ein unfreiwilliger Abschluss erfolgte. Die Zeit der Tradition ist zu Ende. Den beiden in flüchtigen Skizzen gezeichneten Zeitabschnitten schliessen sich noch die zwei folgenden an, die ebenso wie der dritte Theil der allgemeinen Einleitung, den speculativen, religiösen und ethischen Gedankeninhalt behandelnd, weiteren Verträgen vorbehalten bleiben. IL Die zweite von mir behandelte Disciplin, die Einleitung in die biblischen Schriften, ist ein bereits in anderen Kreisen fruchtbar angebautes Gebiet und kann sich dennoch umsoweniger dem Organismus einer Wissenschaft des Judenthums entziehen, als sie auf deren Standpunkte eine grosse Anzahl neuer Gesichtspunkte aufzunehmen hat, die helle Lichter auf sie werfen. Sie hat im Lehrgange einen weit grösseren Zeitumfang eingenommen, dennoch wird sie in der Berichterstattung, weil von gelehrter Detailforschung erfüllt, sich knapp zusammenfassen. Die Einleitung in die biblischen Schriften fasste diese als ein Ganzes zusammen und betrachtet die ihnen gemeinsame Eigentümlichkeit. Sie giebt im ersten Abschnitte Zahl und Umfang dieses Schriftencomplexes an mit den den einzelnen Büchern beigelegten Namen, die Eintheilung und den Theilungsgrund nebst ihrer Reihenfolge, das Einheitsband, welches sie alle als heiliges Nationalgut umschlingt (das Verunreinigen der Hände). Im zweiten Abschnitte beginnt sie den Versuch, den Text der biblischen Bücher festzustellen. Sie behandelt zunächst den uns vorliegenden recipirten Text, von dem sie nachweist, dass er im Ganzen und Grossen, zum Theile bis in kleine Einzelnheiten hinein, mit den Ueberlieferungen übereinstimmt, wie sie uns von dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert an in den ältesten thalmudischen Schriften vorliegen, während andererseits doch feststeht, dass einzelne Abweichungen vorhanden sind im Consonantentexte, in der, noch nicht durch Vocalzeichen sichtbar dargestellten, Aussprache bald mit abweichender Sinnesauffassung, bald nur nach phonetischem Systeme, sowie in der Versabtheilung. Indem sie weiter das Schicksal des Bibeltextes nach der thalmudischen Zeit verfolgt, prüft sie die Zeugnisse über spätere Verhandlungen, welche zu der endlichen vollen Gestaltung unseres gegenwärtigen Textes geführt, zuerst die Versuche in späteren Schriften (Tractat Soferim), die zweifelhafte Aussprache in mehreren Stellen zu fixiren, geht dann auf die Entstehung der Punctation und Accentuation ein, nach den zwei verschiedenen Systemen der Babylonier (Madinchae) und Palästinenser (Ma'arbae), deren Differenz auch den Consonantentext nicht unberührt lässt. Sie fasst