Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1.1874
- Date
- 1874-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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G 2. Was schon am Ende des judäischen Reiches sich befestigt und vertieft hatte, ward im babylonischen Exile, bei dem Aufenthalte unter einem begabten Volke, dem der Perser, und mit der^ Rückkehr noch innerlicher und zum unverwüstlichen Eigenthum. Mit den neuen Zuständen, mit dem Ernste, zur Wiederherstellung nach alten Erinnerungen, aber unter ärmlichen und beengten Verhältnissen entsteht ein Anklammern an den Tempel und dessen Träger, an den Inhalt der geretteten alten Schriften und an die ererbten Sitten, zugleich aber auch die Sehnsucht nach weiteren und freiem Zuständen, das Verlangen, das ganze Volk für seinen Weltberuf heranzubilden, die Heiligung der Gesammtheit herbekuiuhren. Ein innerer Zwiespalt ist gegeben, der während der ganzen zweiten Tempelperiode hindurch immer weiter auseinanderklafft und nicht ausgeglichen werden kann, der seine Folgen bis zur Gegenwart fortsetzt. Das Priesterthum, die Zadok-Familie war Diener und Verwalter am Tempelj dem Nationalheiligthum, dem Sinnbilde der Volkseinheit, dem Träger des grossen Gedankens von dem einen Gotte und von dem Berufe Israels, in seinem Dienste sich zu heiligen und seine Erkenntniss über die Welt zu verbreiten; als solche war sie zu erhöhtem Ansehn gelangt. Sie wurde der herrschende Stand, die Aristokratie, welche die Angelegenheiten des Staates lenkte und zugleich in priesterlich heiligem Schmucke strählte. Der Kern des Bürgerthums, in Vaterlandsliebe erglühend, die religiöse Mission Israels tief ins Herz sich prägend, schloss sich möglichst vom Heidenthum ab. hütete treu die ererbten Satzungen und wehrte dem Eindringen heidnischer Vorstellung und Sitte. Sie, die Abgesonderten, „Nibdalim", Pharisäer, scharten sich willig um die Zadokiten, beobachteten sie aber bald mit Misstrauen, als die Aristokratie ihre Standeswürde der Sorgfalt für das Gesammtwohl voranstellte und sich ihrer priesterlichen Bevorzugung überhob. Das Streben nach gleicher Berechtigung aller Volksclassen, der Heiligung der Gesammtheit Hess sich nicht vereinen mit der Anerkennung besonderer Rechte und Vorzüge, welche dem Priesterthum nicht entzogen werden konnten, und so nagte ein Zwiespalt in den Pharisäern, der zu verfehlten Ausgleichen führte und die Sehnsucht nach einer andern Gestaltung der Verhältnisse in ihnen nährte. Verstärkt ward diese Sehnsucht durch die Abhängigkeit vom Auslande, die sie fast nie ganz von sich abwälzen konnten, und in der die Selbstständigkeit zuerst vom Griechenthum, später vom Römerthume ganz erstickt zu werden drohte. Mit der möglichsten Absperrung gegen die fremden Einflüsse verband sich die Hoffnung "auf eine wunderbare Gottesthat, die durch die Sendung eines Weltmacht entfaltenden gesalbten Königs, eines Messias, Rettung und Heil bringen werde, an der auch die Frommen vergangener Geschlechter in der Belebung der Todten, einem von Persien mitgebrachten Glauben, theilnehmen werden. Auf das jüdische Heimathsländ konnte das Griechenthum, als feindliche Macht, keine geistige Einwirkung üben, wohl aber auf die ausserhalb Palästina^ lebenden Juden, zumal in Aegypten. Eine alexandrinische Geistesrichtung erstand in Philosophie und in allen Literaturgebieten, die nach Innen veredelnd wirkte und weithin Saaten ausstreute, eine neue Weltzeit vorbereitend. Innerhalb Judäa's aber verengte sich der Blick in Parteienhader. Wohl ward die Macht des Priesterthums untergraben, der Dignität des Opferdienstes stellte sich der Gottesdienst im Gebete als ebenbürtig und mehr und mehr ihn verdrängend zur Seite; aber indem jene beiden nicht ganz überwältigt wurden, umspann man die Gesammtheit^mit priesterlicher äusserlicher Heiligkeit und übertrug die Bräuche der Opferweihe auf das tagliche Leben. Wohl waren die grossen Ideen des Judenthums, der reine Gottesglaube und die edlen Lehren geläuterter Sittlichkeit, nicht verblichen, sie lebten sich tief innerlich ein, und dennoch ward es zum eifrigen Anliegen, die zum Theile priesterlichen, aber nun auf das ganze Volk ausgedehnten, zum Theile altertümlichen Satzungen mit Peinlichkeit auszuarbeiten und in alle Gebiete des Lebens einzuführen. Das ist das Werk der Tradition, die auf der einen Seite den alten Geist erfrischend fortleitete, auf der andern ihn in das enge Gewand erschwerender Gebote einschnürte. Die letzte Zeit der zweiten Tempelperiode war die der heftigsten Aufregung, der mächtigsten